Auf ein paar Meter in Buenos Aires

Um die 3 Millionen Menschen wohnen in der Hauptstadt Argentiniens, um sie herum kommen in der Provinz Buenos Aires noch einmal 13 Millionen dazu. Wenn es um Buenos Aires geht, dann schwingt im selben Satz bei Argentiniern Stolz, Ehrfurcht und auch ein paar hochgezogene Augenbrauen mit. Wie ist es in dieser Stadt zu leben, nach der sich das ganze Land auszurichten scheint? Mit „Spaziergängen durch Buenos Aires“ will ich versuchen, den ganzen Zauber der Stadt und auch die Seiten, die in Reiseführern nicht abgedruckt werden, näher zu bringen.

Auf den Straßen von Buenos Aires ist immer etwas geboten, am Morgen sind es die Autos von Menschen, die sich auf dem Weg zur Schule oder Arbeit im Großstadtdschungel zwischen Bussen und Motorrädern behaupten. Am Nachmittag zischen dann vor allem die Colectivos, hier der Name für die Linienbusse, durch die (meist) Einbahnstraßen. In einem atemberaubenden Tempo schlängeln sich die Colectivos durch den Verkehrsfluss und werden nur durch willige Passagiere aufgehalten, die mit einem ausgestreckten Arm und einem Fuß auf der Straße klarmachen: Hey, nimm mich mit.

Voll

Das ist Buenos Aires eben: Gesehen und gesehen werden. Und zwar nicht nur von den Busfahrern, die die Fahrgäste von A nach B bringen sollen. Auch auf den Bürgersteigen geht es hoch her. Schulkinder in Uniformen, die gerade auf dem Weg nach Hause oder zum Unterricht sind, Anzugträger, die wild am Telefon diskutieren, und Straßenhändler, die entweder ihre Backwaren oder Früchte verkaufen. Dazwischen immer wieder die Porteños, die Bewohner der Autonomen Stadt Buenos Aires.

Zentrum der Nation

Argentinien ist extrem auf die Hauptstadt Buenos Aires ausgerichtet. Hier zentralisiert sich alles: Internationale Flüge starten meist nur vom Flughafen in Buenos Aires, wichtige Behördengänge kann man nur hier regeln und Musikkünstler touren in fast allen Fällen durch ein paar Stadien in Buenos Aires, bevor sie ihre Konzerte in anderen Städten starten.

Musikalische Währung

So hatte die Band Coldplay Anfang diesen Jahres zehn Konzerte in Buenos Aires gegeben, die alle so gut besucht waren, dass dies den „Dollar Coldplay“ etablierte. Durch die Konzerte erhöhten sich die Ticketpreise, auch für andere Künstler und ihre Veranstaltungen. In einem Land, in dem es neben dem offiziellen Wechselkurs auch einen Kurs „unter der Hand“ (Dollar Blue) gibt, ist der „Dollar Coldplay“ kein Wunder. Er reiht sich ein in unzählige andere Wechselkurse, wie dem „Dollar Quatar“, der sich während der WM entwickelte. Mehr zu Wirtschaft, Inflation und der Normalität mit 1000er-Scheinen zu bezahlen ein ander Mal mehr.

Zurück zu Buenos Aires. Auch in der Führung des Landes gibt es klare Linien. Zwar ist Argentinien „federal, representativa, república“, jedoch haben die Provinzen nicht bei allen Angelegenheiten das letzte Wort und eine besondere Stellung im Politikbetrieb hat natürlich die Autonome Stadt und Provinz Buenos Aires. Die wichtigsten Institutionen wie Präsidentenpalast, Kongress und eigentlich alle anderen Ministerien sind genau hier anzutreffen.

Herrschaftlich: Der Kongress

Hier kommen die Abgeordneten der Provinzen zusammen

Erinnerung ist ebenso präsent wie die Politik: Hier an die Militärdiktatur und der Ruf nach „justicia“ (Gerechtigkeit)

Nie ganz leise

Alles schaut nach Buenos Aires, auf die Stadt, die nie zu schlafen scheint. Genauso, wie ihre Bewohner. Auch, wenn ich bis jetzt nicht zu allen Tages- und Nachtzeiten unterwegs war: Laut der Geräuschkulisse ist immer etwas auf den Straßen geboten oder jemand unterwegs.

Während in Deutschland die Müllabfuhr am Morgen kommt, sind die argentinischen Stadtwerke nachtaktiv und räumen von 22 Uhr bis spät in die späten Abendstunden die Mülltonnen leer. Immer unterwegs scheinen auch Hundebesitzer mit ihren Vierbeinern zu sein. Und wenn Herrchen oder Frauchen mal nicht kann, dann geht’s mit den Hundesitter raus auf die Straße.

Traumjob Hundesitter?

Die Menschen, die am Hafen wohnen

Wer ist sonst noch unterwegs? Naja, eben die Porteños. Ihr Name kommt von der Lage der Stadt am Río de la Plata. Der Fluss mündet den Atlantik und gibt der Stadt die wichtige strategische und wirtschaftliche Bedeutung innerhalb des Landes. Die Porteños haben dennoch einen schwierigen Stand im Land. Einerseits sind sie stolz, zur größten (und ihrer Meinung nach auch wichtigsten) Stadt von Argentinien zu gehören. Und andererseits befeuert auch genau diese Haltung die kritischen Kommentare von anderen Argentiniern.

Eine gespaltene Nation, die die Hauptstadt als separaten Staat sieht? Ich kann die Assoziation verstehen. Trotzdem lieben die Argentinier ihr Buenos Aires, liebevoll auch als Baires bezeichnet. Mit den zahlreichen Parkanlagen, den stilvollen Prunkbauten im Zentrum und den breiten Boulevards, sticht die Stadt jedoch tatsächlich im groß-argentinischen Vergleich heraus. Buenos Aires ist eben speziell und besonders, das kann den Porteños auf jeden Fall angerechnet werden.

Herz der Nation oder Separater Staat?

Auf meinen vorherigen Aufenthalten habe ich schon einiges von Argentinien gesehen und kann jetzt das bestätigen, was ich schon von so vielen gehört habe: Buenos Aires ist ein anderes Argentinien als das, was außen herum als „República Argentina“ bezeichnet wird. Fast könnte es ein anderes Land sein. Wäre da nicht die Liebe zum Fußball (besonders nach der gewonnen WM), die beliebten Medialunas zur nachmittäglichen Merienda und der Mate, der an jeder Straßenecke getrunken wird.

So viele Symbole scheinen Buenos Aires mit dem Rest Argentiniens zu verbinden, dass es doch wieder so scheint, als würde die Hauptstadt in gewisser Weise doch dazugehören. Einerseits ein eigener Staat, andererseits das Herz der Nation. Noch nie war ich in einer so gespaltenen Stadt. Oder ist es doch ein Land für sich? Mir bleiben noch einige Monate, um das herauszufinden…

Bis dann,

Martha


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