„Willkommen in der Hyperinflation“

Das meint unsere Nachbarin letztens zu uns. Und obwohl ich schon an die argentinische Art zu übertreiben gewohnt bin, ist es in diesem Fall leider die Realität. Denn der argentinische Peso befindet sich seit Monaten in einer rapiden Entwertung und diese „Phase“ scheint nicht wirklich zu einem Ende zu kommen. Wie gehen die Argentinier selbst aber mit dieser ganzen Lage um? Und wie ist es eigentlich im Land mit der weltweit höchsten jährlichen Inflationsrate zu leben?

Hier in Argentinien ist es vollkommen normal, dass man für eine Packung Milch mehrere hundert Peso und für den Kasten Wasser (6×2 Liter) meistens um die 1000 Peso bezahlt. Der Geldbeutel muss also für den Wocheneinkauf immer gut gefüllt sein. Im derzeitigen offiziellen Wechselkurs ist 1 Euro = 244 Peso wert, was bedeutet, dass man bei 20 Euro auf knapp 5.000 Peso kommt. Da trägt man schon mal ein paar tausend Peso mit sich herum und gewöhnt sich zudem schnell an hohe Geldbeträge, wie eine Rechnung im Restaurant (zu unserer Verteidigung: für neun Personen) über 36.000 Peso.

Rechnungen werden in Argentinien fast nie geteilt, deswegen hieß es auch beim Restaurantbesuch: Alle zusammenlegen! Das Ergebnis: 36.000 Peso in „efectivo“ (bar).

Dicker Geldbeutel, wenig Inhalt

Bei solchen Summen bleibt dem durchschnittlichen Europäer erst einmal das Herz stehen. Centavos (das argentinische Kleingeld) werden schon lange nicht mehr ausgezahlt, es ist schon fast komisch, wenn man an der Kasse eine fünf Pesomünze zurückbekommt. Obwohl keine oder nur sehr wenige Münzen im Umlauf sind, wird der Geldbeutel nicht unbedingt leichter, denn der höchste Schein ist im Moment „nur“ der 1000er. Gerüchten zufolge soll sich das aber im Laufe des Jahres ändern und ein neuer 2.000 Schein die argentinische Wirtschaft durch die schon lang anhaltenden Krise begleiten.

Blaues Geld

Damit ist nicht das Design der Pesoscheine gemeint, die eher an grelles Monopoly-Geld erinnern, sondern die Wechselkurse, die neben dem offiziellen Kurs existieren. Der bekannteste dabei ist der „Dólar Blue“, der Schattenwechselkurs des U.S.-amerikanischen Dollars zum argentinischen Peso. Wenn ich diesen Beitrag veröffentliche, wird der Dólar Blue höchstwahrscheinlich nicht mehr stimmen, aber zurzeit ist ein Dollar knapp 490 Pesos wert. Zu diesem Wert wird der Peso meist in Wechselstuben wie Cambio Baires oder über Plattformen wie Western Union gehandelt und ist nicht nur für Touristen relevant. Wollen Argentinier Geld zur Seite legen, lassen Sie es sich in Dollar umtauschen. Da dieser relativ stabil bleibt und nicht tagtäglich seinen Wert verliert, ist er um einiges reizvoller als die Landeswährung.

Der Euro ist sogar ein wenig stärker als der Dollar, damit gilt der Wechselkurs des Dólar Blue auch für uns Deutsche. Da aber selbst die Argentinier den Dólar Blue als festen Bestandteil in ihrer Wirtschaft sehen, ist er schon fast zu einer kleinen Nebenwährung aufgestiegen. Andere Wechselkurse, wie der Dólar Coldplay, Dólar Qatar oder Dólar Turista, haben besonders in den letzten Monaten an Popularität gewonnen. Der Dólar Blue ist jedoch die führende Kraft unter den Schattenwährungen.

Normalität in Argentinien: Preise im Hunderterbereich. Das $-Zeichen steht hier übrigens für den argentinischen Peso, der amerikanische Dollar würde mit US$ bezeichnet werden.

Der Peso bleibt

Trotzdem lieben die Argentinier ihren Peso. Bei einem gemütlichen Mittagessen bei Freunden erzählte mir vor ein paar Wochen ein älteres Ehepaar, wie stolz sie eigentlich darauf seien, dass Argentinien noch immer den Peso habe. „Trotz allem, was jeden Tag passiert!“, die Argentinier sind auch schon ein bisschen stolz auf ihren Chaos-Peso. Denn Wirtschaftskrisen sind die Argentinier gewohnt, es scheint schon fast so etwas wie ein Markenzeichen zu sein.

Das war nicht immer so. Als „Silberland“ deklariert, stand Argentinien eigentlich eine goldene (oder eher silberne) Zukunft bevor. Riesige Weidelandschaften, umfangreiche Ressourcen an Gas und Öl bedeuteten zusammen mit Agrarprodukten wie Getreide und Fleisch das Geheimrezept der argentinischen Wirtschaft. Bis in die 1950er war sogar das durchschnittliche Einkommen höher als das in Deutschland.

Ein Relikt aus einer längst vergangenen Zeit sind diese Paläste im Stadtzentrum von Buenos Aires. Wo früher die reichen Patrizierfamilien ihren Handel treiben, kommen nun Touristen in Versuchung Gucci und Co. zu erwerben. Der durchschnittliche Argentinier kann sich solchen Luxus jedoch nicht leisten und verweilt nur für einen Spaziergang in den Prachtstraßen.

Foto: Lea Brunnemer

Mit der Änderung der politischen Landschaft, dem Auftauchen des sozialistischen Peronismus und anderen Krisen, wie dem Falklandkrieg, verlor Argentinien immer mehr an wirtschaftlicher Stärke. Durch das Fehlen wichtiger Investitionen, wie einem funktionierenden Schienennetz, und der Konzentration auf die Hauptstadt, verpasste Argentinien den Sprung zurück in den alten Glanz. Bis heute ist diese vergangene Ära in den prunkvollen Villen, mächtigen Monumenten und großen Plätzen zu spüren. Die alte Redewendung „reich wie ein Argentinier“ scheint jedoch ihre Erhabenheit verloren zu haben.

Warum seid ihr denn eigentlich hier?

Das wurden wir schon öfters gefragt, wenn das typische „Ah, ihr studiert hier? Was, Kultur und Wirtschaft? Was wollt ihr denn hier über Wirtschaft lernen?“ von argentinischer Seite mein Auslandssemester in Frage stellen will. Ein wenig ironisch ist es schon – das muss ich zugeben. Hier in einem Land mit einer prognostizierten Inflation von 98,6 % pro Jahr ein Wirtschaftsstudium zu wählen, klingt im ersten Moment mehr als fragwürdig. Dennoch lernen wir in der Uni viel über das Abbauen von Eisenbahnschienen, der an Buenos Aires orientierten Sozialpolitik und den zu geringen Investitionen in Technologien. So viele Faktoren haben dafür gesorgt, dass das Land nach acht Wirtschaftskrisen immer wieder in die nächste zu schlittern scheint.

Trotz allem: Die Argentinier nehmen ihre Lage mit Humor. Und haben sich der Situation schlichtweg angepasst. Die meisten Restaurants, Bars, Bäckereien und sonstige Geschäfte schreiben ihre Preise mit Kreide auf Tafeln, anstatt jedes Mal neue Schilder machen zu müssen oder diese zu überkleben. In unserem ersten Monat hier in Argentinien haben wir diese Preissteigerung auch schon bemerkt, unsere Stammbäckerei erhöhte die Preise für die Backwaren zwar nur unmerklich um 20 Pesos, aber dennoch ist es eine Form, sich der vollumfänglichen Wirtschaftskrise anzupassen. Dabei haben die Argentinier auch nicht wirklich eine Wahl.

Es bleibt einfach nur zu hoffen, dass sich so schnell wie möglich etwas ändert. Falls das der Fall sein sollte, seid ihr hier natürlich am besten informiert. Eurer deutsches Wall-Street-Journal aus Argentinien verabschiedet sich hiermit, bis ganz bald!

Martha


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