Die Sieger

Ein schwarzer Haarschopf ragt über den Bäumen des kleinen Parkes hervor. Denn das Wandgemälde, an dem ich gerade vorbeifahre, ist auf einer hohen Gebäuderückwand aufgemalt. Je näher die Wand kommt, desto mehr ist vom Graffiti und dem darauf abgebildeten Protagonisten zu sehen: Diego Maradona mit wehender Haarpracht, argentinischer Nationalheld, die umstrittenste Ikone des Landes und ganz nebenbei auch Fußballspieler. Fútbol – das ist das große Ding in Argentinien und spätestens seit der Weltmeisterschaft in Katar verbinden die meisten Menschen Argentinien mit Fußball. Dabei ist Fußball nicht erst seit 2022 der ideologische Nationalsport und emotionale Treibstoff des südamerikanischen Landes.

Die Argentinier sind natürlich mächtig stolz auf ihre Sporthelden und scheinen den Sieg bei der WM noch immer, bei jeder Partie und jedem Tor, ein zweites Mal zu feiern. Für das erste Spiel als Weltmeister, das in Buenos Aires stattfand, wurden nicht nur Straßen gesperrt. Fast ein nationaler Feiertag wurde für dieses Spiel ausgerufen und es war so wichtig, dass am Abend die gleichzeitig stattfindende Vorlesung in der Universität asynchron, also als aufgenommenes Video, stattfand. Keine Präsenz-Uni wegen Fußball, leergefegte Straßen und auf Hochtouren laufende Fernseher: Hier scheint es so, als würde sich jeder für Fußball interessieren.

Die Helden der Nation sind fast an jeder Straßenecke präsent. Immer dabei: Lionel Messi.

Fußball ist in Argentinien ein so wichtiges Thema, dass die Zugehörigkeit zu einem Lieblingsfußballverein zu den ersten Fragen gehört, die Argentinier ihren neuen Bekanntschaften stellen. Bei „Boca o River?“ hat man als befragte Person eine 50:50-Chance den sportlichen Nerv des Gegenübers zu treffen. Die meisten Argentinier haben sich nämlich auf jeweils eine Seite der beiden größten Fußballvereine des Landes geschlagen: River Plate oder Boca Juniors. Zu den Highlights eines Aufenthalts in Buenos Aires gehört eigentlich der Besuch eines „Super Clásico“, wie das Aufeinandertreffen der Fußballgiganten genannt wird. Zu einem Spiel in der vor Emotionen überkochenden Arena habe ich es leider noch nicht geschafft, denn die Karten sind innerhalb weniger Tage vergriffen. Ein „normales“ Spiel steht dennoch auf meiner Liste, denn Fußball in Argentinien ist nicht der Sport, den ich aus Deutschland kenne.

Nirgendwo GIbt’s mehr Nationalsport

Fußball bedeutet auch eben Identität, weswegen die Spiele der Nationalelf live im für jedermann empfänglichen (staatlichen!) Fernsehprogramm übertragen werden. Hier verbindet der Sport die sonst so gespaltene Nation, denn egal wer, wann oder wo: Alle sollen die Möglichkeit haben, ihre Helden live zu sehen.

So tourte die vom Erfolg gekrönte Mannschaft nach der Rückkehr aus Katar erst einmal ein paar Wochen durch die Arenen in den argentinischen Provinzen. Sogar Santiago del Estero, meine ehemalige Freiwilligendienstprovinz, die als ärmste des Landes gilt, wurde mit einem Besuch Messis beehrt. Dabei geht es nicht um Kommerz, der beginnt erst bei Trikots, Sporthosen, Matebechern, Plakten und sonstigen Gegenständen, die das Logo der Mannschaft tragen. Die Grundidee des argentinischen Fußballs wird dem Begriff des „Nationalsports“ so gerecht, wie in keinem anderen Land.

Ein Relief für den Fußball: Die argentinische Künstlerszene #relurcon verewigt sich mit ihren Arbeiten in Buenos Aires. In Zeiten von Fußballfieber eben auch mit der Trophäe der Trophäen schlechthin.

überall Fußball, Pokale und Messis

Dass die gewonnene Fußballweltmeisterschaft hier in Argentinien zelebriert wird, darüber war ich mir schon vor meiner Ankunft bewusst. Aber welche Ausmaße der fast schon magische WM-Sieg der Argentinier in der Fußballnation schlechthin hat, darauf war ich nicht vorbereitet. Nicht nur, dass fast an jeder Straßenecke Graffitis mit kleinen WM-Pokalen und strahlenden Messis zu finden sind, noch immer werden hier Fanartikel bis zum Abwinken verkauft.

„Die Sonne unserer Träume“: Damit spielt die Zeitung „El Sol“ nicht nur auf den eigenen Namen, sondern auch auf das Sonnensymbol in der argentinischen Fahne an. Der strahlende Messi vereint so Sieg und Nationalgefühl.

2 Sterne + 1

Blau-weiß bestimmt das Straßenbild, kein Tag vergeht, ohne dass ich hier ein Fußballtrikot der argentinischen Nationalmannschaft sehe. Fast immer sind drei Sterne über dem Logo zu sehen, neue Shirts gibt es genügend und wer zum Zeitpunkt des Sieges noch ein altes Trikot hatte, der wurde mit Edding kreativ. Lehne ich mich weit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, dass wahrscheinlich jeder Argentinier einen Gegenstand besitzt, der das berühmte Logo der Fußballmannschaft trägt? Vielleicht. Ist es dennoch wahrscheinlich? Auf jeden Fall.

Gewonnen haben doch irgendwie alle, deshalb darf der Schlüsselanhänger in WM-Pokalform nicht fehlen.

Für Souvenirverkäufer ist die WM noch lange nicht vorbei, an fast jeder Ecke sind kleine Schlüsselanhänger mit WM-Pokalen oder T-Shirts mit einem vor Freude strahlenden Lionel Messi oder “Dibu“ Emiliano Martinez, dem Torwart der Fußballmannschaft, mit ebenso strahlendem Pokal aufzufinden. Denn jetzt, wo die argentinische Fußballmannschaft den Weltmeistertitel samt Trophäe gewonnen hat, ist dies auch beim Rest der Argentinier der Fall. Eigentlich sind alle Weltmeister, deshalb kann auch der Ottonormalverbraucher aufblasbare Pokale oder auch Türgriffe, Bügelabzeichen, Kissen und Schlüsselanhänger in der Form der bekannten Fußballtrophäe an so gut wie jeder Straßenecke erwerben.

Maradona, steh uns bei

Mit Hilfe vom Nationalheiligen Maradona ist Messi jetzt nicht nur Weltmeister, sondern fast schon eine Ikone.

Das Notizbuch ist dabei wohl der Traum eines jeden kleinen wie großen Argentiniers und für 1400 Peso zu erwerben.

Diego Maradona war bereits vor seinem Tod im November 2020 eine Ikone, die Zeit danach machte ihn jedoch noch unsterblicher als er eh schon war. Besonders vor und während der WM wurde er schon fast wie ein Heiliger um eine schützende „Hand Gottes“ angefleht, um der Nationalmannschaft zum Sieg zu verhelfen.

Was soll man sagen, es hat funktioniert. Nun reiht sich auch Lionel Messi in die Reihe der sakralen Fußballheiligen ein, auf so manch einem Graffiti trägt nun nicht nur Maradona den Heiligenschein. Auch gibt es genügend Darstellungen von Messi, der in Christusbilder fotogeshoppt wurde. Nationalsport, Nationalheiliger… hier in Argentinien wird mir so manch eine Wortbedeutung erst richtig klar.

Wer ist jetzt der Sieger?!

Nach der WM-Schmach von 2014 können sich Deutsche nun auch endlich wieder gefahrlos in Argentinien bewegen. Scherz, natürlich war die Ächtung der Argentinier nie so schlimm. Aber es war in jedem Fall ein Diskussionspunkt, ob das Foul an Mario Götze (Geutse, wie die Argentinier sagen) wirklich ein Foul war oder die Überinterpretation eines starken Körpereinsatzes (im argentinischen Narrativ, natürlich). Da der Sieg jetzt endlich den Argentiniern gehört, hat sich dieses Thema wieder erledigt und Deutsche müssen nur noch das siegessichere Grinsen der Argentinier ertragen, wenn sie ganz frei heraus fragen „Wisst ihr schon, wer die WM dieses Jahr gewonnen hat?“.

Musikalische Zeitmaschine

Im Dezember und Januar gingen die Bilder der überfüllten Straßen, die in blau-weißen Freudentaumel getaucht waren, um die Welt. Und auch wenn es nicht mehr in diesem Ausmaß stattfindet: Die Argentinier sind noch immer mächtig stolz und zeigen das auch. Beim Lied „Muchachos“, das wirklich bei jeder sich bietenden Gelegenheit angestimmt wird, legt sich Schalter um und es scheint so, als würden sich die Menschen wieder am Tag des WM-Sieges beim Public Viewing befinden. So wird das Siegeslied bei Sportveranstaltungen, Konzerten oder auch Demonstrationen von Neuem angestimmt und vereint diese gespaltene Nation, egal ob Stadt oder Land, arm oder reich, jung oder alt, von neuem.

Für die tägliche Karaoke: Hier der WM-Song „Muchachos“, wohl der meistgespielte Song in Argentinien zurzeit. „Y al Diego, en el cielo nos podemos ver“ (Und Diego im Himmel, den können wir auch sehen) zeigt wohl, wie sehr Maradona diese WM geprägt hat. „Das Land von Diego und Lionel“ („Tierra del Diego y Lionel“) spricht Messi dann aber auch den gleichen Kultstatus zu.

Der WM-Sieg war wichtig für die Laufbahn Messis und noch wichtiger für die Menschen in Argentinien. Fußball bestimmt den Puls der Nation und hat eine enorme Außenwirkung. Ganz so, wie die Bestätigung: Wir können Fußball. Bis zur nächsten WM ist es noch ein wenig Zeit und so bleiben den Argentiniern noch genügend Gelegenheiten, um die ganze Welt an den hart erkämpften Weltmeistertitel zu erinnern.

Für heute war´s das mit den Einblicken in die argentinische Sport- und Emotionenwelt. Bis zum nächsten Mal, liebe Muchachos!

Martha


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