Ein kulinarischer Tag in Argentinien

Asado, das gehört nach Argentinien. Aber was gibt es eigentlich sonst in diesem Land, das für seinen übermäßigen Fleischkonsum bekannt ist? Ich nehme euch mit auf einenTag in der argentinischen Kulinarik, die neben viel Bekanntem auch einige Überraschungen bereithält.

Frühstück, was ist das?

Hier in Buenos Aires ist dieses Wort für die meisten Argentinier unbekannt oder besteht nur aus einem schnellen Kaffee oder Mate cocido, eine Tasse Matetee, zu Hause. Gefrühstückt wird erst am späteren Vormittag oder auf dem Weg zur Arbeit. Zumindest gilt dies für die Stadt. Auf dem Land ist es üblich zumindest kurz am Morgen ein paar süße Kekse (Galletas) zu einem Tee oder Kaffee zu verspeisen. Obst oder ein Müsli? Eher eine Seltenheit.

Dafür hat das berühmte zweite Frühstück hier eine besondere Stellung erlangt. Ein Must-Have: Argentinische Croissants, hier auch Medialunas genannt. Diese kleinen Halbmonde wurden jedoch an den argentinischen Gaumen angepasst und sind weit entfernt vom luftig-knusprigen Croissant aus Frankreich. Ein süßer Hefeteig, der mit einer erheblichen Menge an Butter und Zucker zu einem Medialuna vervollständigt wird, ist hier fast so etwas wie die Breze in Bayern: Immer und überall erhältlich. Auch andere süße Teilchen, die Facturas, werden am Vormittag oder nach dem Mittagessen verzehrt.

Ein Medialuna kommt selten allein. Typisch sind auch die Facturas mit Crema pastelera, einer Art Puddingfüllung.

Süße Teilchen gibt’s überall, Facturas werden als Frühstück, Nachspeise oder einfach nur als Snack konsumiert. Foto: Lea Brunnemer

Brotlos?

Selbst in „herzhafter“ Variante wird das Medialuna de grasa (Medialuna aus Fett, nicht mit Butter) mit süßer Glasur überzogen und mit Schinken und Käse gefüllt. Eine wilde Kombination, die nicht gerade hungerstillend ist. Generell kann man sagen, dass die Brot- und Backwarenauswahl in Argentinien eher auf Weißbrot beschränkt ist. Der leicht süßliche Nachgeschmack führt nebenbei dazu, dass das Brot immer ein wenig ähnlich zu schmecken scheint. Dunkles Vollkornbrot, Pumpernickel oder Sauerteigbrot ist hier in Argentinien nicht zu finden, das Weißbrot ist von seinem Siegeszug nicht abzubringen und wird zu gut wie jeder Mahlzeit gereicht.

Eine Anekdote aus dem Unterricht

Interessanterweise ist das Brot eng mit der Geschichte vieler Argentinier verknüpft. In der letzten Geographiestunde an der Uni erzählte unser Dozent, wie wichtig früher der tägliche Einkauf von Brot war. Obwohl es vielleicht sogar nicht gegessen wurde, war es wichtig 5 Kilo Brot daheim zu haben, so unser um die 50 Jahre junggebliebener Dozent. Von seiner Großmutter hatte er gehört, wie stark das Brot in den Mahlzeiten eingebunden wurde: Selbst zum Nudelgericht gab es „pan de mesa“, ein Relikt aus einer Zeit, in der Argentinien vor Reichtum nur so strotzte und als Kornkammer Südamerikas auch Europa miternährte.

Ob im schicken Restaurant oder auf dem heimischen Esstisch: Das pan de mesa ist immer und überall zu finden.

Meine argentinischen Kommilitonen hingegen werden schon lange nicht mehr zum Brotkaufen geschickt. Besonders seit Corona gibt es den Trend zu selbergemachtem Brot oder den „gesünderen“ Varianten aus dem Supermarkt, die durch eine Handvoll Kerne und Samen ein wenig dunkler in der Elaboration erscheinen als das übliche Weißbrot.

Bueno para Merendar

Mitten am Nachmittag gibt es die Merienda. Dieser „Zwischensnack“ ist in Deutschland auf keinen Fall so groß und so beliebt wie hier in Argentinien. Auf Foodblogs findet man Vorschläge, wo der findige Tourist sich für die tägliche Merienda hinbegeben sollte, und beim Gang durch den Supermarkt lenken Schilder mit „Bueno para Merendar“ (Gut für die Merienda) die Aufmerksamkeit auf Kekse, Cracker und sonstige kleine Naschereien. Aber auch fleißige Bäckermeister an den Straßenecken locken mit Tortillas (auf dem Grill gebackene Teigfladen) und den dazugehörigen Plausch über Gott und die Welt.

Argentinische Brotzeit

Da dieses Phänomen aber so umfassend ist, wird der Merienda kein kleiner Absatz gerecht und ein eigener Beitrag scheint daher angemessen. Ein kleiner Einblick in die Nasch-Welt der Argentinier erfolgt trotzdem hier. Denn die Merienda ist nicht nur eng mit der Mate-Kultur verbunden, sondern zudem auch eine Möglichkeit sich auf einen kurzen Ratsch mit Freunden oder Familie zu treffen. Fast wie die bayerische Brotzeit, findet die Merienda zwischen 17 und 19 Uhr statt und unterscheidet sich nur im Hinblick auf die letzte Mahlzeit, denn die ist in jedem Fall das Abendessen. So gibt es zur Merienda allerlei Naschereien von Medialunas über Kekse bis hin zu anderen Backwaren auch ein wenig Obst, einen guten Kaffee und vor allem: Mate. Wach müssen die Argentinier auf jeden Fall bleiben, denn bis zum Abendessen dauert es noch ein wenig.

Abends gibt’s dann alles

Ein richtiges Mittagessen ist in Buenos Aires eher eine Seltenheit, man snackt sich eher mit Joghurt, Empanadas oder Früchten durch den Tag. Denn die Hauptmahlzeit wird spät eingenommen. „Hier essen wir also, wenn ihr in Deutschland schon schlafen seid, oder?“, fragte letztes Mal eine verwunderte Argentinierin als es um das Abendessen im Heimatland ging. Nicht nur wegen der Zeitverschiebung von vier bzw. fünf Stunden, auch die Essenszeiten lassen das Leben in Deutschland und Argentinien weit entfernt erscheinen.

Denn für die Cena kommt die ganze Familie nach Schule, Studium und Arbeit zusammen. Früher als 20 Uhr geht überhaupt nicht, normal ist 22 bis manchmal sogar 23 Uhr. Denn man kann ja nicht hungrig zu Bett gehen. Ein Grund, warum Argentinier die deutschen Abendessenszeiten nicht verstehen können. Wie können die Deutschen mit leeren Magen schlafen? Ein argentinisches Mysterium.

Daher kann es schon einmal passieren, dass die „alemanes“ vor verschlossenen Restauranttüren stehen, weil hier die Lokale eben erst ab 19 oder 20 Uhr ihre Türen für die ausgehungerten Gäste öffnen. Neben den Essenszeiten, die man als Student gut für sich selbst anpassen kann, erwarten den europäischen Gaumen hier in Argentinien wenig Überraschungen. Durch die vielen Einwanderer orientiert sich die Küche sehr an der italienischen und spanischen.

Italien lässt grüßen: Nudeln, Lasagne und noch mehr Nudeln finden schnell Platz auf den argentinischen Tischen. Hier gibt es sogar Nudelgeschäfte, wo man frisch produzierte Teigkunst für das eigene Mittagessen mitnehmen kann.

Dann doch argentinisch? Asado mit Salat ist ein unumstrittener Klassiker.

Dabei ist auch der Einfluss vieler U.S.-amerikanischer Firmen nicht zu leugnen, die in das Land des Rumpsteaks eine Menge an Hamburguesas (Burger), Papas fritas (Pommes), Coca (Cola) und co. bringen. Laut einer Studie des Ernährungsministeriums kommt als Nachspeise dann sogar bei über der Hälfte der Argentinier ein Stückchen Obst auf den Teller, der erste und letzte Moment des Tages, in dem Obst eine wirklich große Rolle spielt.

Schwarze Schilder für schlechtes Gewissen

Die „gesunde“ Ernährung, wie sie in Deutschland schon von klein auf in Kindergärten und Schulen vermittelt wird, scheint erst gerade in den letzten Jahren ihre Berechtigung in Argentinien zu erfahren. Seit diesem Jahr gibt es das Gesetz, das Lebensmittelhersteller dazu verpflichtet, einen „exceso“ (Übermaß) an „schädlichen“ Inhaltsstoffen wie Zucker, Fett und Kohlenhydraten mit einem schwarzen Schild auf den Produkten zu kennzeichnen.

Kekse sind ungesund, keine Überraschung. Die schwarzen Hinweisschilder sind jedoch mehr als unheilvoll und unübersehbar.

Dieser eigentlich ganz gute Vorstoß an mehr ganzheitlichem Bewusstsein ist zumindest einmal ein Anfang. Kohlenhydrate aber von Anfang an zu verteufeln, finde ich ein wenig schwierig. Deshalb verwundern mich auch Hinweisschilder auf Butterpackungen, die auf ein Übermaß an Fett hinweisen (Überraschung). Oder auch ein Naturjoghurt (der hier sehr schwer zu finden ist), dem ebenso ein Exzess an gesättigten und ganzheitlichen Fetten vorgeworfen wird.

Naturjoghurt, der nicht gesund ist?

Vor allem leiden aber auch die Argentinier, vor Kurzem klagte mir ein Freund aus Argentinien sein Leid über die unheilvolle Beschilderung der Lebensmittel. Jetzt werde ihm auch noch seine letzte Freude am Essen genommen und er müsse ganz bewusst den Zuckerexzess bei einer Cola riskieren. Die Trauer über das verlorene Essgefühl führt dazu, dass die Argentinier schon ganz sarkastisch fragen: „me das un poco de exceso de azúcares?“ („reichst du mir bitte etwas Exzess an Zucker?“), um eine Limo zu erhalten.

Globalisierung hin oder her – Argentinien ist eben ein Land mit vielen Einflüssen aus anderen Kulturen. Daher wird hier jeder glücklich, denn Pizza, Pasta und Reis gehören zu den Grundnahrungsmitteln. Und sind für den deutschen Magen ein wenig viel am Abend. Deshalb bleibe ich meinen kulinarischen Wurzeln vor allem beim Abendessen treu und versuche immer relativ „zeitnah“ (für die Argentinier: viiiel zu früh) einen Salat oder die gute Brotzeit zu essen. Dennoch bleibt noch immer einiges hier in Argentinien zu entdecken, vor allem in kulinarischen Gesichtspunkten.

Bis dahin: Guten Appetit und buen provecho!

Martha


Avatar von martha

Eine Antwort zu „Ein kulinarischer Tag in Argentinien”.

  1. Avatar von Z wie Zu viel – Mate & other stories

    […] richtig, fehlt wohl noch ein wenig Zuckerglasur. Vor allem auf den Medialunas, über die ich beim kulinarischen Tagesplan der Argentinier schon geschrieben […]

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