Ein großer Vorteil am Auslandssemester ist das Reisen. Ein großer Nachteil ist aber eben auch: das Reisen. Es muss irgendwie die Balance zwischen Tourist- und Student-Sein gewahrt bleiben und da ich – wie aufmerksame Blogleser bereits bemerkt haben – in den letzten Wochen eher meine Zeit als Student in der Uni als auf Reisen verbracht hatte, war es am vergangenen Wochenende Zeit für einen Kurztrip. Wohin? Nur ein paar hundert Kilometer von der argentinischen Küste entfernt befindet sich das Land, das sich mit Argentinien um den Titel der Mate- und Tango-Erfinder-Nation streitet. Uruguay wird oft als kleiner Bruder Argentiniens bezeichnet, ich habe mich auf Erkundungstour gemacht und festgestellt, dass das kleine Land weit mehr als „nur“ der Nachbar Argentiniens ist.
Buenos Aires liegt am Río de la Plata, der in den Atlantik mündet. Das Delta teilt sich Argentinien mit seinem etwas kleineren Nachbarn: Uruguay. Durch die Fährenverbindung ist man in 1,5 Stunden schnell im jeweils anderen Land, weshalb der Trip besonders bei Tagesausflüglern mehr als beliebt ist.
Gemächlich geht’s los
Zwar sollten die Passagiere zwei Stunden vor Abfahrt da sein um die Aus- bzw. Einreise und Gepäckaufgabe zu regeln, durch die lateinamerikanische Leichtigkeit (böse Zungen würden das Wort Ineffizienz verwenden) war diese Zeitangabe jedoch überflüssig und bescherte uns eine nette Wartezeit am Fährenterminal. Pünktlich zu Sonnenaufgang dann jedoch: Abfahrt, alle mal Einsteigen.


Ciao Buenos Aires (zumindest für ein paar Tage)
Auf der Fähre, die aufgrund des Duty-free-Shops, Kiosks und Bodegas (Weinstube) eher wie ein kleines Einkaufszentrum wirkt, nimmt das Abenteuer „Uruguay“ die maritime Fahrt auf. Nach knapp eineinhalb Stunden gemächlicher Fahrt über den nicht ganz klaren Río de la Plata dann die Ankunft im beschaulichen Colonia de Sarmiento. Das verschlafene Hafenstädtchen hat dennoch einiges zu bieten: Neben dem bunten Ortskern werden die Touristenströme, die sich zum jetzigen Winter in Grenzen halten, zum alten Stadtviertel, dem „viejo barrio“, geleitet.



Die niedrigen farbig gestrichenen Häuser und unebenen Kopfsteinpflaster bringen den an den Großstadtdschungel Buenos Aires gewohnten Touristen wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Schön ist es in Colonia, sehr ruhig vor allem. Denn hier werden Fußgänger und andere Autofahrer zur Abwechslung nicht ständig angehupt und auch die vielen E-Autos tragen ihren Teil zur angenehmen Stadtatmosphäre bei. Und auch die Uruguayer leben in dieser umfassenden Entspanntheit: Sie haben sich an die Urlauber gewöhnt, sitzen entspannt in Plastik- und Klappstühlen auf dem Bordstein und beobachten Touristen beim Urlaubsfotoshooting. In einem Arm die Thermoskanne und in der Hand natürlich: Den Matebecher.
Das Getränk…der Uruguayer?
Mate wird eigentlich mit Argentinien assoziiert. Aber wie im Fall des Kaiserschmarrns in Bayern und Österreich, wird auch hier die Herkunft und beste Qualität von genau dem Land beansprucht, dessen Landsleute dazu befragt werden. Die Uruguayer sind stolz auf ihre Matekultur, hier findet man in vielen Restaurants den „servicio del mate“, also den Tee, den man auf traditionelle Weise serviert bekommt.
Ein Schild, das in Uruguay fast überall steht…

In Argentinien gibt es diesen Service normalerweise nicht, Matetrinken scheint sehr viel exklusiver zu sein und ist nicht für jedermann erreichbar: Man muss schon jemanden kennen, der Mate-bewandert ist oder sich den Vorgang des Mate-Trinkens selbst aneignen. In Uruguay dagegen wird diese Teepolitik weitaus offener gehandhabt.

Mate überall
Offen sind die Uruguayer in mehreren Hinsichten. Obwohl das Land so klein ist und mit einer Bevölkerung von 3 Millionen fast die Einwohner Berlins repräsentiert, gab es schon immer Immigranten aus unterschiedlichen Nationen, Konfessionen und Ethnien, die ihren Weg nach Uruguay fanden. Hier wird jedem sein Platz gewidmet: Weihnachten als christlichen Feiertag gibt es nicht, es ist der „Tag der Familie“ und Freitag, Samstag und Sonntag werden als religiöse Feiertage „gleich“ behandelt. Ob man das gut findet oder nicht, den Uruguayern scheint es zu passen. Oder sie sind zu entspannt, um sich zu beschweren 😉
Aus aller Welt
Die urugayische Küche ist ebenso offen gestaltet, in den größeren Städten finden sich unzählige Restaurants mit internationaler Kulinarik. Eine schöne Abwechslung, denn hier gibt es eine kleine Asado-Pause für die deutschen Besucher aus Argentinien. Aufgrund der vielen Einwanderer (auch aus Deutschland) findet sich nicht nur kulinarische Diversität, sondern auch sprachliche: Schnell wurden wir mit Englisch oder sehr oft auch Deutsch angesprochen und kamen gar nicht dazu unser Spanisch am uruguayischen Dialekt auszuprobieren.
Geschwisterliebe
Wie es mit Geschwistern eben so ist, haben auch die Uruguayer das Gefühl, sich gegen den „Problem“-Nachbarn behaupten zu müssen. Weil sich die Großmächte über das Territorium nicht einig werden konnten, war Uruguay als Pufferstaat zwischen Brasilien und Argentinien gedacht. Dennoch hat sich das kleine Land prächtig entwickelt und seit Jahren eine stärkere Wirtschaft als Argentinien. Ganz ohne einander kann man dann aber doch nicht, denn obwohl man sich kritisch beäugt: Es profitieren beide Seiten vom gegenseitigen Austausch, sei es Touristen, Lebensmittel oder Rohstoffe.
…oder Nachbarschaftsstreit?
Denn wie ein Uruguayer uns erzählt: „Nachbarn kann man sich nicht aussuchen, wir können eben nicht wegziehen“. Denn die Inflation in Argentinien schlägt ihre Wellen über den Río de la Plata bis nach Uruguay. Die Preise gleichen wohl eher dem europäischen Niveau und obwohl der peso uruguayo nach wie vor sehr stark ist, beeinflusst die Wirtschaftskrise Argentiniens auch den kleineren Nachbarn.

Und das hat (mal wieder) den Effekt, dass statt der Landeswährung auch argentinische Pesos, US-Dollar und Euro als Zahlungsmittel akzeptiert werden. Schon sehr komisch, nach drei Monaten im Ausland, mal wieder „deutsches“ Geld in der Hand zu halten.
Zurück nach Colonia
Denn trotz der kleinen Stadt gab es auf dem Wochenendtrip einiges zu entdecken: Die gemütliche Altstadt, einen Leuchtturm (der natürlich erklommen wurde), viele Oldtimer (die leider vernachlässigt in den Straßen ihr Dasein fristeten) und die heimlichen Stars: Grüne Wellensittiche, die statt Tauben die Städte an der Küste Uruguays bevölkern.






Foto, unten links: Lea Brunnemer
„Nehmt euch bitte welche mit“, scherzt ein älterer Mann aus dem vorbei fahrenden Auto, als er unsere Fotoversuche beobachtet. Einen kleinen grünen Vogel zu adoptieren, das haben wir leider nicht mehr geschafft, denn es ging noch am selben Tag in die Hauptstadt: Montevideo empfing uns mit Wind, Regen und kalten Wetter, das so gar nicht zu den Palmen in der Stadt passen wollte.
Südamerikanischer Winter
Eine weitere Feststellung: Es ist nicht nur kalt im uruguayischen „Winter“ (zwischen 10 und 20 Grad friert es die sonnenverwöhnten Deutschen ein wenig), am Wochenende verlassen die Uruguayer generell die Stadt und halten sich auf dem Land auf. Das bedeutet auch: Samstagnachmittag in Montevideo mit gähnender Leere, heruntergelassenen Rollläden, geschlossenen Geschäften und einigen sich wundernden Touristen.

Trotz Frieren haben wir unsere Zeit in Montevideo schön verbracht: Die Straßenkünstlerszene in Uruguay ist riesig, fast jede freie größere (und auch kleinere) Wand wird mit einem Bild geschmückt. So finden sich beeindruckende Graffitis wie das des uruguayischen Schriftstellers Eduardo Galeano, dessen Werk „Die offenen Adern Lateinamerikas“ (Las venas abiertas de América Latina) über die Geschichte des kolonialisierten Lateinamerikas, als eines der populärsten Texte im spanischsprachigen Raum gilt.

Ästhetik wird in Uruguay eben sehr großgeschrieben, die Altstadt ist von alten Villen und Stuckdächern geprägt, die von hochwachsenden Palmen eingerahmt werden. Dabei sticht ein Bauwerk besonders heraus: Der Palacio Salvo war bis 1935 das höchste Haus in Südamerika.

Heute ist das Art-Deco-Haus einfach schön anzuschauen und ragt noch immer über Montevideo, als würde es seinen alten Titel nicht hergeben wollen. Ironischerweise befindet sich direkt gegenüber eines der weniger ästhetischen Häuser der Stadt: Ein großer Glaskasten, gespickt mit Klimaanlagen und kleinen verschiedenfarbigen Fenstern, scheint wohl das genaue Gegenteil zum erhabenen Palacio Salvo zu sein.


Die Chronologie eines Unglücks
In Montevideo gibt es aber nicht nur Kunst, sondern auch Zeitzeugnisse: Im Museum über das Andenunglück (Museo Andes) sind nicht nur Relikte des Flugzeugabsturzes aus dem Jahr 1972 gesammelt, es wird auch die Geschichte der Tragödie und der Passagiere erzählt. Leider waren Fotos nicht erlaubt, sonst würde ich hier natürlich mehr davon zeigen. Wer die Geschichte nicht kennt: Im November 1972 stürzt ein Flugzeug aus Uruguay auf dem Weg nach Chile über den Anden ab, von 45 Menschen überleben schlussendlich 16 Personen.

Denn nach einer Lawine und 72 Tagen auf dem Gletscher verkleinerte sich die Gruppe, aus der Not heraus wird eine neue Gesellschaft gegründet, in der jeder seine Aufgabe hat: Die sociedad de la nieve, also die Gesellschaft des Schnees hält die Gruppe aus Unbekannten zusammen. Eigentlich glaubt die Außenwelt nicht mehr daran, das Flugzeug oder geschweige denn lebende Menschen zu finden. In einem Gewaltmarsch versuchen zwei Passagiere dennoch aus den Anden zur Zivilisation zu kommen und Hilfe zu holen. Kurz vor Weihnachten dann die Rettung durch einen Hirten, der die zwei jungen Männer in Turnschuhen und leichter Kleidung erst für verschollene Touristen hält. Wessen Aufmerksamkeit jetzt geweckt ist, dem kann ich den Spielfilm „Überleben“ ans Herz legen. Oder den Besuch im Museo Andes.
Warme Farben für die frierenden Deutschen
Montevideo ist in Lateinamerika für den Karneval im Februar und März bekannt. Da wir dieses Highlight leider verpasst haben (und das Wetter nicht für das Sonnenbaden an der Promenade sprach), bot sich der Besuch im Karnevalsmuseum an. Die farbigen Kostüme sorgten auch schnell für eine warme Stimmung und entführten uns in eine Welt aus Masken, Tüll und Glitzer. Kölner Fasching oder Rosenmontag in München auf dem Viktualienmarkt? Eine ganz andere Welt ist im Vergleich dazu der uruguayische Karneval.





Wie war Uruguay?
Schwierig, den Trip zusammenzufassen. Es war in jedem Fall kalt, aber die Palmen waren schön. Was noch? Nein, natürlich war es mehr als das: Uruguay ist ganz anders als Argentinien, ruhiger, ein wenig entspannter. Wer ein bisschen Pause von Fußballtrikots und Messi-Statuen auf der Straße braucht, der ist mit Uruguay gut beraten. Dem Mate und Tango entkommt man trotzdem nicht, die Dichte an Teetrinkern scheint in Uruguay noch größer zu sein. Dennoch lohnt sich Uruguay ungemein und auch wenn ich in ein paar Tagen nicht alles sehen konnte, habe ich doch viele Eindrücke sammeln können. Es war es sicherlich nicht mein letzter Besuch in Uruguay, denn ein Fährenticket ist schnell gekauft 😉
Im nächsten Beitrag nehme ich euch aber wieder mit nach Argentinien, denn es geht ans Eingemachte für die Studentin Martha: Die Klausuren stehen an! Für ein wenig Universitätsfeeling gibt es bald den nächsten Einblick in meinen argentinischen Alltag…
Macht es gut, bis bald, servus & adiós,
Martha

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