Viel und Flexibel

Aufgrund vergangener Blogeinträge könnte so manchen Leser das Gefühl beschleichen, dass ich mich auf einem verlängerten Urlaubstrip befinde. Aber: Das ist schon einmal gar nicht der Fall. Auch wenn ich zugeben kann, dass ich viel Zeit zum Erkunden, Schmecken und Sightseeing habe, nimmt eine „Aktivität“ den Großteil meiner Zeit hier in Argentinien ein: Tatsächlich studiere ich in Buenos Aires. Und das schon seit März. Aber wie ist das eigentlich so in Argentinien mit dem Studieren? Ich nehme euch mit ins Studentenleben in Buenos Aires.

Stundenplan? Den gibt es natürlich. Aber (wie man es erwarten kann in Argentinien) läuft nicht jeder Tag gleich ab. Wie auch in Deutschland suchen sich die Studenten ihre Fächer je nach Studiengang selbst aus und so haben wir nicht nur „unter uns“ Deutschen Unterricht, sondern auch mit den Argentiniern einige Kurse.

Willkommen zurück: In der Schule

Unterricht? Ja, richtig gehört. Die typische Vorlesung mit einem vor sich hin redenden Professor und lauschenden Studenten gibt es hier nicht. Die „Vorlesungen“ werden hier als „Unterricht“ (clase) bezeichnet. Denn mit einer klassischen Vorlesung, in der um die dreihundert Personen einem Dozenten zuhören und fleißig versuchen, jedes gesagte Wort effizient auf das Blockpapier oder in den Laptop zu bringen, haben die Veranstaltungen in Argentinien nichts zu tun. Kleine Klassen sind normal, selten kommen mehr als dreißig Studierende auf einen Kurs.

Mehr machen

Dieser wird nicht in der „Ich-Trage-Vor-Ihr-Hört-Zu“-Manier gehalten, sondern eben eher wie eine Unterrichtsstunde in der Oberstufe. An argentinischen Unis wird vermehrt auf kleine Klassen und Mitarbeit gesetzt. So gibt es hier eine Menge an Hausaufgaben, Referaten und mündlichen Noten. Und obwohl ich es wusste, war es doch wieder eine Zeitreise zurück auf die Schulbank.

Apropos Sitzen: Als ich letztens einige andere Studenten aus Deutschland gefragt habe, was den in einem Blog über das Studieren in Argentinien rein müsste, kam eine Antwort wie aus der Pistole geschossen: „Vergiss die Stühle nicht!“. Für mich sind diese Holz-Metall-Sitzgelegenheiten mit integriertem Minitisch eher ein Relikt aus der Vergangenheit, aber hier in Argentinien gehören sie eben zum Inventar.

So kann ein Klassenzimmerchen schon gleich mit vierzig oder mehr Sitzflächen ausgestattet sein, denn platzsparend sind die funktionalen Möbel auf jeden Fall. Für genügend blaue Flecken sorgen die Metalleinfassungen dann aber fast von alleine, den auch das gehört wohl zur Erfahrung beim Auslandssemester. Aus Matetechnischer-Sicht muss ich den Tischen leider einen Minuspunkt verleihen, denn der Platz für Thermoskanne und Matebecher ist nicht wirklich gegeben. Die Lösung: Zwei Tische kapern, was bei der kleinen Anzahl an anderen Mitstudenten nicht schwierig ist.

Pünktlichkeit auf argentinisch

Akademische Viertelstunden gibt es dabei (zu unserer Enttäuschung) nicht. Fängt in Deutschland die Vorlesung eine viertel Stunde später an, sind die Argentinier strikter mit ihrer Uhrzeit und nutzen die vollen zwei Stunden Unterrichtszeit. Obwohl – zählt dies überhaupt, wenn es ganz normal ist, dass andere Studenten 10, 20 oder sogar 30 Minuten zu spät kommen? Egal, hauptsächlich man sitzt im Unterricht.

Denn an unserer Uni gilt: 75% Anwesenheitspflicht. Fehlt man bei mehr Stunden im Semester, kann es sogar sein, dass die Prüfungen nicht mitgeschrieben werden können. Trozt aller Entspanntheit gibt es eben doch Regeln.

Es ist aber auch weit, bis in den 8. Stock. Da kann man schon mal zu spät kommen, sollte sich aber nicht von der Aussicht ablenken lassen (Das Foto wurde übrigens nach dem Unterricht aufgenommen 😉 )

Alle meine Erlebnisse hier an der Uni beruhen aber auch darauf, dass ich an einer Privatuniversität studiere, die mit der Universität Passau eine Partnerschaft pflegt. An einer öffentlichen Uni sähe vieles schon einmal anders aus, deshalb hier nur meine subjektive Erfahrung.

Und natürlich die meiner Mitstreiter aus Passau. Da wir die clases komplett auf Spanisch belegen, ist es ganz schön, einmal ein paar Gespräche auf Deutsch mit den anderen führen zu können. Es fühlt sich ein wenig so an, als wären wir jetzt schon vier Monate auf Klassenfahrt in Argentinien. Und obwohl man sich vor dem Abflug nicht so richtig kannte, sind wir doch zu einer guten Truppe zusammengewachsen, die auch mal gemeinsam nach der Uni zum Asado-Essen geht.

8-Uhr-Unterricht

…gehört fast jeden Tag zu meinem Stundenplan. Aber obwohl der Unitag früh beginnt, endet er oft auch spät gegen 21 oder 22 Uhr. Viele meiner argentinischen Kommilitonen arbeiten nämlich neben dem Studium. Und das nicht als Minijober, sondern oft als Teil- oder Vollzeitmodell. Für das Studium ist dann am Abend oder frühen Morgen Zeit. Die Deutschen und alle nicht-arbeitenden Argentinier haben dann am Nachmittag die Möglichkeit zum Lernen und sich auf die Abendvorlesungen vorzubereiten.

spontane Referate

Studieren in Argentinien ist eben stressig: Denn zu „normalen“ Zwischenprüfungen kommen Abgaben, Gruppenarbeiten, Hausarbeiten und Referate dazu, die relativ spontan kommuniziert werden. Ein Vorteil: Präsentationen vorzubereiten und vorzutragen ist mir noch nie so leichtgefallen, auch wenn es auf Spanisch ist.

Langsam komme ich in diesen weitaus spontaneren Zyklus aus Lesen, Lernen, Schreiben und Vortragen hinein. Mit der Zeit bin ich auch dahinter gekommen, dass oft gar nicht alle Aufgaben geschafft werden sollen. Während in Deutschland Aufgaben gegeben werden, die auch wirklich wichtig und zu erledigen sind, gilt hier in Argentinien das Recht auf realistische (oft eher dann doch optimistische) Selbsteinschätzung. Nicht alles geschafft? Gar kein Drama, dann eben bis zum nächsten Mal. Vielleicht besprechen wir es auch erst in zwei Wochen, schaun wir mal.

Verschieben, verschoben, vergessen

Ein wenig übertrieben, das gebe ich zu. Aber auf was hier in Argentinien jeder gefasst sein muss, ist in jedem Fall die Flexibilität: Bei uns wurden hier Prüfungen nicht nur ein paar Wochen spontan nach hinten, sondern auch nach vorne verschoben. Sich einen Lernplan zu machen: Das kann man eigentlich auch schon wieder vergessen. Ich bin mir auch noch immer unschlüssig, ob es in den meisten Fällen ein Vorteil für uns Studenten oder eher für die Dozierenden war. Ganz vergessen wurde jedoch noch nichts.

SprachSalat

Schnell habe ich aber in der Uni vergessen, dass ich nicht nur mit den Inhalten aus dem Unterricht, sondern auch mit Spanisch zu tun habe. Zwar gab es eine Eingewöhnungszeit, aber das Spanisch läuft auf jeden Fall gut. Trotz allem tendieren wir Deutschen untereinander schon zu unserer Heimatsprache und haben manchmal nicht mehr auf dem Schirm, dass es „uns“ auch unter den Argentiniern gibt, die Deutsch lernen um ein Auslandssemester in Passau zu machen.

Ein wenig Bekanntes im Unidschungel: Deutschunterricht für die Argentinier, zur besseren Lernerfahrung werden sogar die Türen beklebt.

Unsere argentinischen „Pendants“ können auch wirklich gut Deutsch und gibt es leider keine Möglichkeit mehr, uns geheim zu unterhalten. Scherz, es ist wirklich immer spannend mit den Argentiniern Deutsch zu reden. Das mit dem Bayrisch wird noch, bis jetzt sitzt das „Servus“ zumindest schon bei ein paar argentinischen Mitstudenten.

Schmelztiegel

Als Land der Migration hatte Argentinien oft genug Kontakt mit Europäern. Nicht nur während und nach dem zweiten Weltkrieg gab es massive Einwanderungsströme, auch vorher kamen viele Migranten nach Argentinien, um ein neues Leben zu beginnen.Und so kennen sich die Argentinier auch oft gut mit ihrer eigenen familiären Vergangenheit aus, die durch Großeltern, Urgroßeltern oder noch mehr Generationen auch mit Deutschland und dadurch auch unserer Sprache verbunden ist.

Mehr dazu und warum Pizza und Pasta ebenso zu Argentinien gehören, wie Asado und Mate, aber im nächsten Blogeintrag. Ich bin dann mal wieder Studieren und ja… da kommt schon wieder eine neue Gruppenarbeit rein. Also machts gut, bis zum nächsten Mal und Servus!

Martha


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