Südamerika. Da schweifen die Gedanken zu tropischen Stränden mit Palmen, Kokosnuss und anderen Südfrüchten. Doch Argentinien hat andere (kulinarische) Qualitäten zu bieten. Wie in vorherigen Beiträgen beschrieben, gehört das Asado zur argentinischen Lebensessenz. Aber das ist nicht alles, denn neben der Fleischkultur sind auch Pizza, Pasta, Rotwein und andere italienische Spezialitäten zu finden. Wie der Cheeseburger zu den USA gehört, lässt sich auch die italienische Esskultur in Argentinien nicht wegdenken. Aber wie kam es überhaupt dazu?
In den weniger touristischen Stadtteilen von Buenos Aires finden sich fast an jeder Straßenecke kleine Läden, die ausnahmsweise keine Metzgereien sind. Eigentlich untypisch für ein Land, in dem pro Kopf im Jahr knapp 90 Kilo an Fleisch verzehrt werden. Besagte „Läden“ werden auch „fábricas de pastas“ genannt und machen ihren Namen alle Ehre: Zwischen Olivenöl und Limoncello (natürlich importiert aus Italien) werden Nudeln in allen Varianten und Größen angeboten.

Am beliebtesten sind dabei alle Nudelarten, die zum Füllen geeignet sind: Handtellergroße Sorrentinos und feine Ravioli kommen so oft es geht mit Parmesan und Ricotta auf den Teller der Argentinier. Aber auch Ñoquis (wie hier die Gnocchi heißen) erfreuen sich großer Beliebtheit. Fleisch darf dabei als Füllung oder Soße wieder einmal nicht fehlen, jedoch steht die Nudel im Vordergrund.


Familienangelegenheit
Besonders an Sonntagen ist das Pastaessen zu Mittag (am Abend gibt es ja Asado) ein Familienereignis und wird mit selbstgemachten Nudeln und passender Soße zelebriert. Denn die Argentinier leben und lieben ihre Traditionen, die ihrer Geschichte entsprungen sind. Dazu gehören nicht nur die Unabhängigkeitskriege von der spanischen Kolonialherrschaft, sondern auch die unzähligen Besiedelungsprojekte, die nach den Kriegen von der noch jungen Regierung vorgenommen wurden.
Mit gepacktem Koffer nach…

Es galt ein unbewirtschaftetes Land zu besiedeln und so richteten sich Aufrufe zur Einwanderung besonders an europäische Länder in schwieriger wirtschaftlicher Lage. Im 19. und 20. Jahrhundert erreichten so unzählige europäische Migranten per Schiff die neue Welt und siedelten sich in den Städten um die Metropole an. Dabei ließen sich die Einwanderer besonders gerne an Orten nieder, die ihren Heimatländern glichen: Die Deutschen im rauen und bergigen Süden, die Italiener in den sanfteren, fast mediterranen Hügellandschaften im Nordosten.
La dolce vita argentina
Kaum ein Argentinier in oder um Buenos Aires, hat keine italienischen Vorfahren. Denn die Ströme von Italienern, die im südamerikanischen Land ihr Glück suchten, nahmen im Verlauf des letzten Jahrhunderts nicht wirklich ab. So entwickelte sich beispielsweise die Stadt Mendoza zur argentinischen Weingegend mit ihrem Vorzeigeprodukt des Rotweins „Malbec“ und zahlreiche italienische Lokale und Lebensmittelhändler erhielten die dolce vita in Argentinien am Leben.
Alles, außer Espresso
Nicht nur in Buenos Aires gibt es deshalb viele italienisch klingende Vor- und Nachnamen, auch im Rest des Landes gilt die Affinität für Italien bis heute. Das Kultgetränk unter jungen Erwachsenen ist Fernet-Cola, ein Kräuterlikör, der mit Cola zum Bargetränk gemischt wird, und – wie sollte es anders sein – aus Italien kommt.

Wein, Fernet und Cola – könnte der Abend argentinischer werden?
Hält man die Augen offen, fallen viele Parallelen zu Italien auf. Für uns Deutsche ist jeder Besuch beim Italiener ein kleiner Ausflug in den typisch deutschen Sommerurlaub mit Limoncello und Pesto. Ist man bei einem wirklich guten Italiener gelandet, kann man sogar richtigen Mozzarella finden! Doch was nicht im gleichen Maß wie in Italien ausgeprägt ist, ist die Kaffeekultur. Diesen Part übernimmt der Matetee.

Dennoch sehen die Argentinier ihre italienischen Einflüsse nicht als fremd an und sind sogar ein wenig zu sehr von sich und der Erfindung so mancher kulinarischer Produkte überzeugt: „Kennt ihr in Deutschland überhaupt Pizza? Die haben wir doch in Argentinien erfunden“. Neben aller Kabbelei: Ein wenig anders ist die argentinische Pizza schon, das muss ich zugeben. Als die italienischen Migranten aus dem von Hungersnöten zerrütteten Italien im (noch) reichen Argentinien ankamen, erschlug sie förmlich die Flut an Rohstoffen und Lebensmitteln.

Aufgrund der größeren Anzahl an verfügbaren Zutaten, entwickelten die Einwanderer eine dickere Pizza mit einer mindestens ebenso dicken Schicht an Käse. Zudem wurde eine Fainá (Farinata, ein Pfannkuchen aus Kichererbsenmehl) gereicht, die noch immer in typisch argentinischen Pizzerien angeboten wird. Mal etwas ganz anderes, aber wer Pizza essen will wie ein Einheimischer, der darf sich diesen Extrabelag nicht entgehen lassen.
So viel Italien in Argentinien zu finden, war schon eine Überraschung. Die italienische Kultur lässt sich aber nicht wirklich vom südamerikanischen Land trennen und es ist mit jedem Nudelgericht schwieriger zu entscheiden, ob es wirklich die italienische oder argentinische Küche auf dem Teller war. Argentinien ist eben immer für Überraschungen gut, es bleibt noch viel zu Erzählen…
Bis ganz bald, Servus und Ciao!
Martha

Hinterlasse einen Kommentar