Ganz und gar… Gaucho?

Die argentinischen Cowboys haben wohl noch mehr internationale Bekanntheit als bayerische Schuhplattler und trotzdem fällt eine Beschreibung auf die Schnelle schwer. Als diffamierender Ausdruck für die Argentinier (vor allem im Fußball) gebraucht, verbinden jedoch die meisten Nichtargentinier aber auch viele Landsleute die Gauchos mit der nationalen Kulturgeschichte. Aber wer sind sie überhaupt?

Die Gauchos, berittene Viehhüter der südamerikanischen Pampas (wie Google sie definiert), gehören zu Argentinien, wie das Asado und der Fußball. Es gibt sogar eigene Literatur, die ich und meine Mitstudierenden ein halbes Semester in allen Auswüchsen kennenlernen durften und wahrscheinlich genauer untersucht haben als so manch ein argentinischer Kommilitone. Martin Fierro heißt das Werk, das jeder Argentinier mindestens einmal in der Schulzeit durchnehmen muss. Es gehört zu DEN Büchern in Argentinien: Ein Gaucho, der auch durch Schicksalsschläge nicht abzubringen ist, für die Gemeinschaft seines Reitervolks einzustehen und seine Prinzipien bis zum Tod verteidigt, prägt die argentinische Kultur bis heute.

Gar keine Gauchos?

Das Bild des durch die Steppe reitenden Gauchos, galoppiert auch durch die europäische Vorstellung über Argentinien und vervollständigt so unterbewusst, wie Argentinien „wirklich“ sei. Kein Buenos Aires mit Hochhäusern und Anzugträgern, sondern vielmehr weite Natur und Landwirtschaft. Zugegebenermaßen, für mich gab es vor meiner Ankunft auch nur diese zwei Extrema. Letzteres ist jedoch schon lange nicht mehr die Realität. 2/3 der Argentinier wohnen in der Provinz in und um der Hauptstadt Buenos Aires und erwerben ihren Lebensunterhalt mitnichten durch Viehzucht oder Maisanbau.

Fleisch gehört eben zu Argentinien…

(Foto: Lea Brunnemer)

…die dazugehörigen Viehüter aber eben auch.

Wer im Campo, also auf dem Land, arbeitet, der hat meistens noch mindestens einen zusätzlichen Beruf. In Buenos Aires scheint diese andere Realität ein wenig in Vergessenheit zu geraten, denn wer sich hier die Leute auf der Straße anschaut, der findet selten eine Person, die als Gaucho durchgehen könnte. An einem normalen Wochentag könnten die Porteños (Bewohner von Buenos Aires) auch in einer deutschen Großstadt aufzufinden sein: Neben Businessoutfit, ist Jeans auch hier Standard. Nicht viel anders als in Europa, außer, dass man weniger Menschen mit blonden Haaren sieht. Aber selbst, wenn es hier im argentinischen Sommer relativ heiß wird, bleibt der gemeine Argentinier eher bedeckt. Auffällig sind dann eher die Touristen in kurzen Hosen, Tops und T-Shirts.

Argentinische Nationaltracht findet man selten auf den Straßen von Buenos Aires…

Wer suchet…

Zurück zu den Gauchos: Auf den Straßen von Buenos Aires sind sie schon einmal nicht. Aber wo dann? Ein sicherer Fundort ist der Markt von Mataderos. Hier werden in den Herbst- und Wintermonaten von März bis Dezember jeden Sonntag Lebensmittel, wie Brot, Honig, Käse und Fleischwaren, sowie andere landwirtschaftliche Produkte, zu denen zum Beispiel Lederwaren gehören, verkauft. Der „Gaucho-Markt“ ist vielen Touristen unbekannt, es verirren sich nur wenige Ausländer in den eine Stunde entlegenen Stadtteil von Buenos Aires.

Den Verkäufern und dem ein oder anderen Probierhappen entkommt hier niemand…

Foto: Lea Brunnemer

Wer den Weg auf sich nimmt, wird mit Musik, guten Essen und einem Ausflug in die Welt der Gauchos belohnt. Bei den Essensständen mit frischen chorizos (argentinischen Bratwürsten) kommt ein wenig Weihnachtsmarktfeeling auf, ist es auch ein bisschen frisch im argentinischen Winter bei 15 Grad. Der Glühwein fehlt, die Wärme wird aber durch die Tanzgruppen gesichert, die in der Mittagssonne ihr bestes Geben.

Für das besondere Flair sorgen die Tanzgruppen auf Mataderos

„Sooo, und jetzt tanzen die zwei Mädels mit, die da hinten bei dem Mülleimer stehen“. Ich schaue nach rechts, sehe den Mülleimer und mache mich so schnell wie möglich aus dem Staub, ohne mit dem Moderator auf der Bühne auch nur Blickkontakt aufzunehmen.

Denn meine argentinische Tanzerfahrung habe ich schon im Freiwilligendienst gemacht, bei der ich erkannte, dass der Chacarera (den Argentinier hier übrigens schon in der Grundschule lernen) nicht in ein paar Minuten zu erlernen ist. Schon gar nicht für Deutsche, die im Gegensatz zu den Argentiniern den Rhythmus nicht im Blut haben. Auch das gehört eben zu den Gauchos: Folklore und Musik.

Leider kann ich meine Videos nicht im Blog hochladen, einen kleinen Einblick in die Kultur der Gauchos gibt es aber hier.

Am Lagerfeuer

Musik bestimmt das Leben der Argentinier. Denn in den wenigen Kneipen auf dem Land, den pulperías, waren im frühen 19. Jahrhundert vor allem Landarbeiter, Bauern und Viehtreiber auf der Suche nach Alkohol und ein wenig Abwechslung. Das Erzählen und später auch Singen von Geschichten und Legenden aus dem Alltag entwickelte sich schnell zu einem festen Bestandteil im Leben der Gauchos und so zogen „Payadores“ (die Sänger dieser Art von Volksmusik) durch das Land, um die Geschichten der Gauchos aufzuschreiben und weiterzugeben.

Ein Gaucho mit Gitarre, gespielt wird überall. Deshalb darf der Verstärker natürlich nicht fehlen…

Musik, Natur und was noch? Natürlich die Landwirtschaft. Argentinien ist nicht nur wegen seines Fleischkonsums auf eine starke Landwirtschaft angewiesen, sondern produziert auch viele Lebensmittel wie Getreide, Mais und Zucker für den nationalen Eigenbedarf. Dennoch waren auch schon früher vor allem große Viehherden in der argentinischen Pampa zu finden. Und für die Arbeit mit den Viehherden musste der Gaucho ausgestattet sein: Leinenkleidung für die nötige Kühlung, langlebige Ledermaterialien und noch bessere Messer, Sporren und Gürtel für die Arbeit in und mit der Natur.

Heute arbeiten wie gesagt die wenigsten Argentinier als Gauchos auf dem Land. An Feiertagen oder Möglichkeiten wie dem Markt in Mataderos wird die Tracht getragen und der Chacarera getanzt. Und obwohl die meisten Argentinier keinen Bezug zu einem richtigen Gaucho haben, geschweige denn, einen persönlich kennen, identifiziert sich so gut wie jeder mit den Viehhirten, die übrigens auch Mate trinken. Was wären schon argentinische Nationalhelden ohne dem Kultgetränk?

Heldentod in erster Reihe

Apropos Helden: Die Existenz der Gauchos endet im argentinischen Bürgerkrieg, der als militärische Operation nach den Unabhängigkeitskriegen als Landeroberung diente. Die indigene Bevölkerung, die noch in den entlegeneren Gebieten der Pampa beheimatet war, wurde von einer Armee aus Soldaten bis aufs Blut bekämpft. An erster Front wurden dabei die Gauchos gestellt, welche durch die relativ junge Regierung der Republik zum Wehrdienst und so dem Kampf an vorderster Front gezwungen wurden. Und so für die neuen Gebiete geopfert wurden.

Aufgrund der industriellen Revolution, der Besiedlung durch neue Migranten aus Italien und Spanien und der stärkeren Fokussierung auf die Hauptstadt Buenos Aires, verminderte sich die Anzahl der Gauchos. Sie blieben jedoch ein fester Bestandteil der argentinischen Kultur, in genügend Liedern, Büchern, Theatern und Filmen sind sie bis heute lebendig geblieben. Und so finden sie auch noch immer ihren Weg in die Vorstellung, welche Ausländer über Argentinien und die Argentinier über sich selbst haben.

„Gaucho – das bedeutet nicht eine Trennung der Gesellschaft, nicht ‚wir‘ oder ‚die‘. Hier sind alle Gauchos“, stellte unsere Dozentin in einer der letzten Literaturunterrichtsstunden fest. Die argentinische Kultur kann nicht ohne ihre Gauchos, die zwar heute nicht mehr durch die Pampa reiten, aber noch immer in den Herzen eines jeden Argentiniers zu finden sind. Im Gaucho haben die Argentinier ihren Nationalhelden gefunden, die Person, welche als Relikt aus einer anderen Zeit für die Einfachheit des Lebens und das Festhalten an Traditionen und Prinzipien steht.

Nach so viel Nationalkultur, verabschiede ich mich – tatsächlich endlich in die freien Semesterferien. Hoffentlich, denn noch weiß ich nicht, ob ich alle Fächer bestanden habe, oder vielleicht doch in die Abschlussprüfungen muss. So oder so habe ich trotzdem Ende Juni wieder ein wenig freie Zeit und mehr Kapazitäten für kulinarische und kulturelle Bloginhalte. Also bleibt gespannt! Bis bald, servus und gauchciao!

Martha


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