Ich weiß: Im Laufe dieses Blogs ging es schon sehr oft um das deftige Argentinien. Fleisch beim Asado, die Gauchos mit ihren Wurst- und Käsewaren und das chronische Weglassen von Gemüse beim Mittag- oder Abendessen. Aber auf eine bestimmte Zutat trifft man hier in Argentinien immer: Zucker. Und der ist nicht nur in Torten, Schokolade, Gummibärchen und co., sondern auch in Lebensmitteln, bei denen man es nicht unbedingt erwartet. Eine Reise in die süße argentinische Kulinarik.
Der Wocheneinkauf steht mal wieder an. Im Supermarkt ist wie immer viel geboten, ein Mitarbeiter ist damit beschäftigt fleißig die Preisschilder auszutauschen (Inflation lässt grüßen), während ein anderer gerade einen hohen Turm aus Küchenrollen in der Mitte des Ganges aufbaut. Die ist zum Wochenende mal wieder im Angebot beim Supermarkt unseres Vertrauens. Jedoch wird nicht – wie in Deutschland – ein Pack mit vier oder sechs Rollen verkauft, sondern zwei schmale Handpapierrollen, die in Plastik eingeschweißt wurden. Die Inflation schließt die Preise in allen Branchen ein, jedoch nicht die Löhne der Argentinier. Deswegen werden oft von vielen Produkten kleinere Größen verkauft.
Nun gut, Küchenrolle steht nicht auf meinem Einkaufszettel, dafür aber Kaffee. Hier ist die Auswahl gelinde gesagt begrenzt, denn der Kaffeekauf ist hier in Argentinien ganz anders als in Deutschland: Fast alle Marken verkaufen Kaffee, der bereits mit Süßungsmittel angereichert wurde. Nur eine Marke verkauft café sin edulcorante, der natürlich teuer ist. Wer in Argentinien ohne Zucker essen und trinken will, zahlt schon mal mehr.
Die Kaffeelüge
Café torrado con azúcar heißt oft also die einzige Option für argentinische Konsumenten der Mittelschicht. Diese Art, Kaffee zu rösten gehört zu den billigsten Optionen der Kaffeeindustrie. Hier werden Bohnen von geringer Qualität mit gut 15% Zuckeranteil geröstet. Der Vertrieb dieses café torrados ist in der Mehrheit der Länder weltweit verboten. Außer in 13 Ländern, darunter Uruguay, Spanien, Portugal und auch Argentinien, wo die günstige Herstellung und der in Relation dazu relativ hohe Verkaufspreis den café torrado zu einer Alternative zum teuren herkömmlichen Kaffee machen.


Eine Kaffeesorte, die keinen Zucker enthält. Und selbst das ist nur ganz schwer auf der Rückseite im Kleingedrucken (gelb) zu erkennen. Die Kaffeindustrie macht es den argentinischen Konsumenten nicht leicht.
Der gezuckerte Kaffee ist nicht nur schlecht für die Gesundheit, sondern auch für den Geldbeutel: Bei einer normalen Röstung, verliert die Kaffeebohne schnell an Gewicht durch den Entzug von Wasser. 100 Gramm rohe Bohnen wiegen nach dem Rösten nur noch um die 85 Gramm. Bei der Röstung durch die Torrado-Methode sorgt der Zucker dafür, dass die Bohnen schwer bleiben. Verkauft man so den café torrado neben herkömmlich gerösteten Kaffee, kann die Industrie einen großen Gewinn aus den minderwertigen süßen Kaffeebohnen ziehen. Oft sind die unterschiedlichen Produkte nur ganz verschämt als „mit“ oder „ohne“ gekennzeichnet, während ein Kunde im Einkaufsstress deshalb einfach schnell mal zum café torrado greift.
Wirklich so gesund, wie es scheint?
Auch in Argentinien ist der Trend „gesunde Ernährung“ langsam angekommen. Auf vielen Packungen gibt es Verweise zum hohen Vitamingehalt oder, dass in diesem Produkt „nur“ Süßstoffe seien. Schön, aber gibt es auch was ohne? In Supermärkten in hipperen Stadtteilen wie Palermo und Recoleta orientiert man sich (so glaubt man) am europäischen, weniger süßen Gaumen mit gesund aussehenden Müslis oder Joghurts, die jedoch mal wieder alles gemeinsam haben: Den Zucker.
Natürlich süß!
Zwar ist es oft weniger als in anderen (ja, billigeren) Produkten, jedoch habe ich bis jetzt zum Beispiel nur zwei Naturjoghurts ohne Zucker gefunden. Denn wenn es „natürliche“ Produkte in Argentinien gibt, dann werden diese auf „natürliche“ Weise mit Honig gesüßt. Die Krux dabei: Honig ist auch hier ein teures Gut, weshalb die Bezeichnung „Honig“ oft als „Zucker mit Honiggeschmack“ zu lesen ist.
Während ich über diesen Beitrag nachgedacht habe, ist mir aufgefallen, dass der meiste „versteckte“ Zucker hier in Argentinien wohl in den Getränken ist. Nicht nur im Kaffee im Supermarkt, auch in Teebeuteln versteckt sich der Süßstoff oft genug. Da kann es schon mal sein, dass im Eifer des Gefechts ein Tee mit Zucker gekauft wird. Bei Mate ist es zum Glück noch nicht so weit, hier gibt es im Verkauf meistens die Möglichkeit flüssigen Süßstoff zu erwerben. Bis jetzt habe ich mein Umfeld jedoch erfolgreich von dieser süßen Versuchung abgehalten.
Nicht mein Bier
Die Bierkultur in Argentinien begann mit den deutschen Einwanderungswellen und gipfelt zurzeit im Craftbeer, für das es in argentinischen Bars schon extra Menükarten gibt.

IPA, APA, Porter und wie sie alle heißen mögen benötigen natürlich zum Gärungsprozess Zucker, der sich auch manchmal im Endgeschmack äußert. Das süßeste Bier dabei ist – wie mag es anders sein – das Honey. Ob wirklich Honig in dem sanft schmeckenden Bier mit geringem Alkoholgehalt ist, weiß wohl nur der argentinische Bierbrauer.

Die größte Überraschung in Argentinien sind wohl mit Abstand die Säfte: Noch 2018 war es für die argentinische Regierung in Ordnung, wenn sich Hersteller danach richteten, dass ein Glas Fruchtsaft „maximal“ 6 Esslöffel Zucker enthielt. Zugegeben, das schmeckt man auch. Aber der Gewöhnungseffekt beim hohen Zuckergehalt in Lebensmitteln tritt schneller ein als gedacht. Dem bin ich dieses Mal bei meiner zweiten Argentinienerfahrung aus dem Weg gegangen und trinke so oft es geht Wasser. Es war schon ein kleiner Schock für mich, als ich 2021 wieder in Deutschland ankam und die Adelholzener Apfelschorle nicht süß, sondern für meinen an argentinischen Getränken angepassten Gaumen nur nach Apfel schmeckte.
Noch ein kurzer Abstecher in die Backwarenwelt, die an sich natürlich schon von Zucker geprägt ist. Hier in Argentinien gilt in Bäckereien und Cafés: Glänzt es noch nicht richtig, fehlt wohl noch ein wenig Zuckerglasur. Vor allem auf den Medialunas, über die ich beim kulinarischen Tagesplan der Argentinier schon geschrieben habe.


Medialunas sind erst Medialunas wenn sie richtig pappig sind. Wer jetzt aber der Überzeugung ist, dass diese crossaintähnlichen Backwaren nur als Süßspeise verzehrt werden, der liegt sehr falsch. Denn ebenso wie als zuckriger Snack zum Mate oder Kaffee werden Medialunas auch mit Schinken und Käse verzehrt. Ja, Zuckergebäck gefüllt mit Schinken und Käse. Wohl der Klimax der argentinischen Süßspeisenkulinarik.
shame on you, medialuna
Franzosen sind davon – wer hätte es anderes gedacht – wenig begeistert. „It is a shame“, ist die aktuelle Stellungnahme zur Frage, wie dem französischen Kommilitonen die kleinen argentinischen Medialunas schmecken. Ich persönlich finde die süßen Halbmonde auf jeden Fall lecker, wobei ich mittlerweile auch schon Heimweh nach deutschen Backwaren hab.
Das liegt auch ein wenig daran, dass wirklich so gut wie jedes Brot, dass man im Supermarkt oder beim Bäcker kauft, süß schmeckt. Manche mehr, manche weniger. Aber sogar das pan negro hat einen süßlichen Nachgeschmack. Dieses argentinische Schwarzbrot, das in Deutschland wohl eher als helleres Vollkornbrot durchgehen würde, wird jedoch sehr selten verkauft, beliebter ist das pan blanco, das in rauen Mengen von argentinischen Familien eingekauft wird. Hier geht es nach Kilo, nicht nach Gramm.
Den Zucker importieren die Argentinier jedoch nicht, besonders im Norden gibt es viele Zuckerplantagen. Vielleicht erklärt das auch ein wenig den übermäßigen Zuckerkonsum im Land. Ein kleiner Trost ist die zaghafte Tendenz zu einem gesünderen Lebensstil, die nun auch Argentinien erreicht. Glücklicherweise ist niemand dazu gezwungen, Zucker-Kaffee oder Schinken-Käse-Crossaints zu genießen und so gibt es manchmal auch selbstgebackenen Kuchen von Martha.
Vielleicht ist es bald schon wieder so weit und ich schwinge den Koch- oder wohl eher Backlöffel in den Semesterferien. Die Tastatur lasse ich aber auf keinen Fall erkalten und so bin ich bald wieder mit neuen Eindrücken und Erlebnissen für euch da. Zuckersüße Grüße aus Buenos Aires, adiós und servus,
Martha
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