Der Nabel der Welt

In Argentinien kennt fast jeder das Sprichwort „Dios es argentino, pero atiende en Buenos Aires“ (Gott ist Argentinier, aber er residiert in Buenos Aires). Nicht nur sagt dieser Spruch einiges über das (große) Selbstbewusstsein der Argentinier aus, sondern vielmehr über die Stellung der Hauptstadt im argentinischen Selbstverständnis. Buenos Aires, das Zentrum, nach dem sich eine ganze Nation zu richten scheint.

Beeindruckend ist die argentinische Hauptstadt auf jeden Fall. Die modernen Wolkenkratzer im Bankenviertel stehen im Kontrast zu den verspielten Altbauten im Stadtzentrum rund um die Casa Rosada, dem Regierungssitz des Präsidenten. Touristen halten Ausschau nach dem gut 68 Meter hohen Obelisken, der auf der ehemals größten Straße Südamerikas, der Avenida 9 de Julio, eines der beliebtesten Fotomotive ist.

Nicht die 9 de Julio, jedoch auch eine der großen Straßen von Buenos Aires

Trotzdem glänzt nicht die ganze Stadt, oft genug kommt das verkommene Buenos Aires zum Vorschein mit verfallenen Häusern, kaputten Gehwegen und den Hinterlassenschaften von Vierbeinern, die am besten im Slalom überwunden werden können. Neben all dem fallen aber auch Menschen auf, die auf der Straße leben. Sie kommen nach Buenos Aires, da sie sich ein besseres Leben erhoffen. Warum? Buenos Aires ist das Versprechen. Nach einer langfristigen Anstellung mit ausreichend Lohn, der Möglichkeit ein gutes Leben zu führen. Hier muss das Unmögliche möglich sein, es ist ja schließlich Buenos Aires.

„Mi lugar“, also „mein Platz“ soll wohl Buenos Aires sein. Neben dem Künstler haben auch andere Arbeitssuchende die Hoffnung die Stadt zu ihrem Ort der Selbstverwirklichung zu machen.

„Wenn jemand etwas Wichtiges erledigen muss, kommt man immer hierher“, erzählte unsere Literaturdozentin in einer Unterrichtstunde. „Du brauchst eine gute medizinische Behandlung? Geh nach Buenos Aires. Du willst etwas studieren? Unis gibt es auch in anderen Städten. Du willst aber später wirklich einen guten Job haben? Dann musst du in Buenos Aires studieren.“ Es hört sich komisch und befremdlich an, aber so ist es: Wer als Argentinier im Leben wirklich etwas erreichen will, der muss sich in Buenos Aires aufhalten.

Klar, hier wohnen die meisten Argentinier auf einem Fleck, aber das ist noch lange nicht der Grund für die herausragende Stellung der Stadt. Vielmehr hat es mit der Unabhängigkeit von der spanischen Kolonialmacht und der anschließenden Staatengründung zu tun. Für diese waren die in Argentinien geborenen Spanier (Criollos) zuständig, die die Einschränkung durch die spanische Krone satt hatten und selbstständig werden wollten. Nach dem die Unabhängigkeit herbeigeführt worden war, kam es noch lange nicht zur friedlichen Staatengründung, denn eine grundlegende Frage spaltete die Criollos in Unitarier und Föderalisten: Sollte Buenos Aires als soziales und politisches Zentrum nach französischem Vorbild über die Nation herrschen, oder sollte den Provinzen mehr Freiheit über ihre Politik gegeben werden?

Das Tor zu Welt

Nach langwierigen Bürgerkriegen erhielten die Unitarier die Oberhand und sorgten dafür, dass sich die politische Macht in Buenos Aires konzentrierte. Mit strategischer Lage am Fluss des Rios de la Plata war die Stadt für den Handel mit Europa und anderen europäischen Ländern schon immer wichtig gewesen. Die Stellung als Hauptstadt sprach anderen Häfen Argentiniens die Wichtigkeit und auch Nützlichkeit ab. Hier scheint alles möglich zu sein, ist die Stadt ebenso der erste Fleck Erde, den europäische Auswanderer in Argentinien oder sogar Südamerika betreten. Schifffahrt, Migration, Handel und Tourismus, all das prägt Buenos Aires bis heute.

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Buenos Aires ist in Argentinien so wichtig, dass Einschränkungen in Form von Konventionen und Gesetzen für sie nicht zu gelten scheinen. Trotzdem hat mich ein Plakat letztens mehr als verwundert, welches für die Einführung einer eigenen Währung in der Hauptstadt sprach. Die Wahlen stehen bald schon an und so versuchen Kandidaten die Wählerschaft von sich zu überzeugen. Die höchste Konzentration an Argentiniern befindet sich eben im Großraum Buenos Aires und so fokussieren sich politische Programme eher an der Stadtbevölkerung. Mittlerweile verstehe ich deswegen viel besser, warum der Rest der Argentinier den Porteños (Bewohnern von Buenos Aires) kritisch gegenübersteht.

Der Peso soll vom „Porteño“ abgelöst werden. Der Name soll wohl auch den letzten unschlüssigen Bewohner von Buenos Aires von der neuen stadteigenen Währung überzeugen.

Keine Altbauten mit französischem Flair

Das Argentinien außerhalb von Buenos Aires gleicht eben nicht dem, welches in der Hauptstadt zu finden ist. Wenn hier Europäer ankommen, sehen sie den französischen Baustil, die weitläufigen Parks und – man kann es beim Namen nennen – „weiße“ Bevölkerung. Buenos Aires ist eben aber nicht die Repräsentation ganz Argentiniens, sondern nur ein Teil eines Landes, das hinter den Kulissen tief gespalten ist. „Na dann siehst du mal ein Wochenende lang keine Altbauten mit französischem Flair“, meint ein Mitstudent zu mir, bevor ich mich in mein altes Freiwilligendienstprojekt nach Santiago del Estero aufmache.

Altbauten im französischen Flair sind hier überall zu finden

Ich muss schmunzeln und gleichzeitig daran denken, wie gut dieser Satz Argentinien zusammenfasst. Und auch das Bild, welches Ausländer haben, wenn sie Argentinien betreten: Das ist Europa, nur die Export-Version in Südamerika. Der Rest des Landes wird dabei schnell unter den Teppich gekehrt und vergessen.

Aufgrund meiner Erlebnisse in Santiago bin ich immer sehr dahinter, dass andere Teile Argentiniens nicht vergessen werden. Bei manchen Porteños führt das zu einem müden Lächeln oder unverständnisvollen Blicken. Mir kommt es so vor, dass auch einfach die Größe des Landes ein Problem ist. Viele Argentinier aus gutem Hause waren noch nie in den ärmlicheren Gegenden und wenn eine Reise gemacht wird, dann nur zu anderen Familienmitgliedern, die sich nicht Santiago del Estero als Wohnort aussuchen.

Zwei Welten

Die Vermittlung zwischen Stadt und Land wird wohl eine der größten Herausforderungen in den kommenden Jahren sein. Denn je mehr Zeit vergeht, desto schneller entfernen sich diese zwei Realitäten voneinander. Wenn ich jetzt bei einem Spaziergang in der schon wärmeren Wintersonne die anderen Passanten beobachte, die mit Daunenjacken und einem Mate in der Hand ihre Schoßhunde in den Park ausführen, muss ich an den Spruch über Gott und Buenos Aires denken.

Trotz aller Differenzen und der Konzentration der Macht in Buenos Aires, schwebt die argentinische Kultur über dem Land und kittet die Brüche und Sprünge ein wenig. „Dios es argentino“, mit dem Teil können sich wohl die meisten Argentinier anfreunden. Alles, was danach kommt, ist zwar die Realität, liegt aber in den Händen einer neuen Generation.

Tango und Mate… Vereinende Elemente der argentinischen Kultur?

Genug über Buenos Aires geredet, was ist eigentlich in anderen Teilen Argentiniens los? In den Semesterferien habe ich nun viel Zeit zum Reisen und deswegen folgt bald ein kleiner Bericht über den Süden Argentiniens, der mir bekannter vorkommt, als ich gedacht hätte…

Bis bald, servus und adiós!

Martha


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