Vier Klimazonen prägen Argentinien: Von Wüsten über Regenwäldern bis hin zu Steppen und Bergen – das Land hat so einiges zu bieten. Für mich ging es vor Kurzem auf eine Reise in den Süden, die alles andere als exotisch war: Bariloche bot den Winter, den ich aus Deutschland kenne. Und einiges mehr.

An die Dimensionen des Landes bin ich noch immer nicht gewöhnt. Das merke ich spätestens auf der 32-stündigen Busfahrt nach Bariloche. Obwohl sich die Landschaft (natürlich) ändert – denn der Bus kämpft sich in argentinischer Höchstgeschwindigkeit bei um die 70 km/h auf der Landstraße voran – ist das Bild aus dem Busfenster das Gleiche: Weite Felder, auf deren Steppen größere oder kleinere Rinder- und Schafherden grasen. Dazwischen mal ein kleiner See, ein Dorf, ein paar Straßenlaternen. Dann wieder Weite, die von einer schnurrgeraden Straße durchzogen wird, auf der wir uns in Richtung Bariloche bewegen.


Wir – das ist der Reisebus der Organisation BAIS (Buenos Aires International Students). Regelmäßig werden nicht nur Reisen in argentinische Regionen organisiert, sondern auch Freizeitaktivitäten in Buenos Aires oder gemeinnützige Aktionen wie Lebensmittelspenden für Obdachlose durchgeführt. Die Reisen in entlegene Teile Argentiniens werden stets gut nachgefragt. Neben Ausflügen an die brasilianische Grenze in den Iguazú-Nationalpark oder in den Norden zu den siebenfarbigen Bergen (cerro de siete colores) ist es auch die Reise nach Bariloche, die unter den internationalen Studierenden beliebt ist.
Durchatmen – aber mit Bergluft
Nach dem ersten Semester in Argentinien mit Stress und vielen Prüfungen in der Universität, kommt der Ausflug mir gerade recht. Es ist eine Reise an den für mich bisher südlichsten Punkt in Argentinien. „Hey, ab in den Süden“ bedeutet hier aber nicht Sonne und tropische Temperaturen, sondern das genaue Gegenteil: Der Süden Argentiniens ist weitaus rauer und erinnert mit hohen Bergen, Gletschern und kalten Seen eher an die Alpen. Dabei trägt der Winter, der in Argentinien auf die deutsche Sommerreisezeit zwischen Juni und August fällt, seinen Teil dazu bei: Schnee ist keine Seltenheit, sondern sogar das Alleinstellungsmerkmal, weshalb Urlauber nach Bariloche kommen.




„Im Sommer kommen die Deutschen und Franzosen, im Winter die Brasilianer“, erklärt uns der Chef unseres Hostels bei einem Mate. Woher wir denn kämen? „Ach Deutschland?! Dann kommt euch das alles ja ganz bekannt vor“, meint unser argentinischer Gastgeber.
Tatsächlich ist das so, aber nicht nur das Wetter vermittelt Heimatgefühle: Auch die almhüttenähnliche Unterkunft mit der hölzernen Fassade und der Lage auf einem kleinen Hügel erinnert ein wenig an daheim. Innen drin ist dann aber wieder viel Argentinien zu finden mit bunten Wandmalereien und einer gemütlichen Küche. Angekommen in Bariloche habe ich immer dieses Gefühl des Widererkennens, dass gemeinsam mit dem Erinnern „Ach, ich bin doch in Südamerika“ eintritt.


Außen Almhütte, drinnen typisch argentinisch
Irgendwas zwischen der Schweiz und Italien
Die Stadt Bariloche könnte auch auf einem Pass in den italienischen oder Schweizer Bergen stehen. Besonders im Stadtzentrum fallen die großen Hotelanlagen auf, die im Winter wie im Sommer Naturbegeisterte in die argentinische Stadt locken. Zudem sorgen die massiven Steinbauten mit den bunten Fensterläden für den besonderen Charme Bariloches.



Bekannt ist hier vor allem die Schokolade, die von Einwanderern aus der Schweiz nach Argentinien gebracht worden sein soll. Auch wir durften in einer kleinen Schokoladenmanufaktur die sehr süße Vollmilchschokolade probieren und bei der Herstellung zuschauen.

Köstlichkeiten – aber aus der Heimat
Neben Schokolade mit einem maximalen Zuckergehalt (argentinisch eben), habe ich an diesem kalten Wochenende im Juni auch andere Delikatessen genossen. Nach vier Monaten ohne bayerische Schmankerl war es in Bariloche nämlich so weit: Spätzle, Sahnegeschnetzeltes und Apfelstrudel haben noch nie so gut geschmeckt. Sogar Brezen konnten wir in der Bäckerei „Bretzel“ kaufen.




Wie so oft in Argentinien sind für die Auffindbarkeit dieser – für Südamerika – exotischen Produkte die Einwanderer aus Europa verantwortlich. Die Landschaft rund um Bariloche sowie die gesamte südliche Region Argentiniens gleicht in weiten Teilen den europäischen Alpen und resultierte daher als perfekter Ort für Migranten aus Deutschland und der Schweiz, die sich besonders in Patagonien niederließen und so viel wie möglich aus der alten Heimat übernahmen.





Nicht nur Bier, Schokolade und andere Köstlichkeiten wurden aus der alten Heimat importiert. Besonders die Architektur war den Einwanderern wichtig.
Schneespaß – aber zum ersten Mal
So fand auch der Skisport seinen Weg nach Argentinien und ist nach wie vor in Bariloche als Hauptstadt des Skifahrens beheimatet. Leider hat es erst am Abreisetag so richtig zu schneien begonnen, aber ein wenig Schnee hat die Reisegruppe aus internationalen Studenten dann doch gesehen. Manche tatsächlich zum ersten Mal. Als Deutsche, geboren in einem Wintersportort, ist die Vorstellung, dass jemand noch nie in seinem Leben Schnee gesehen oder gefühlt hat, schon sehr befremdlich.
Deswegen hielt sich meine Begeisterung und die der anderen Deutschen ein wenig in Grenzen, als wir am letzten Tag in Bariloche die groß angekündigte „Winter Experience“ auf dem Cerro Catedral machten. Auf dem höchsten Berg Bariloches (2.405 m) machten einige Mexikaner, Brasilianer und Peruaner nicht nur das erste Mal Bekanntschaft mit Schnee, sondern auch mit der kältesten Temperatur, die sie je erfahren hatten: – 15 Grad. Aufgrund der eben erwähnten Schneeknappheit während unseres Aufenthalts gab es erst auf dem Berg die weiße Pracht.

Mit großen Erwartungen verließen wir die Gondel, die uns auf 1.700 m brachte. Dort bot sich ein Bild, das ich so schnell nicht vergessen werde: Die letzten Ausläufer der abgesperrten Skipiste waren bevölkert von Menschen in gleichfarbigen Schneeanzügen, die sich angefixt von der wahrscheinlich ersten Schneeerfahrung mit flachen sogenannten „Porutschern“ den milden Abhang hinunterstürzten. Eigens dafür stationierte Fotografen boten Touristen „Fotos im Schnee“ an, die daraus bestanden, dass sich die Models in den nicht mehr ganz so weißen Schnee plumpsen ließen, um darin frech zu posen.
Doch auch die Schneeerfahreneren der Gruppe kamen auf ihre Kosten, denn mit einer zusätzlichen Sesselliftfahrt konnte der Gipfel des Berges erreicht werden. Zusammen mit ein paar Franzosen, unter denen später auch ein Porutscher-Invalide verweilte, gönnten wir uns ein Mittagessen in der Jausenstation, die gut und gerne auch aufgrund der Preise in einem deutschen Skigebiet hätte stehen können.

Trotz aller bekannten Wetterumstände und Kulinarik habe ich in Bariloche so einiges neues entdeckt. Die Reise in den Süden hat mir sehr gut getan, habe ich doch gemerkt, wie sehr ich die Berge vermisse! Und ein weiterer Vorteil: Die Temperaturen rund um die Nullgrade haben mich ein wenig mehr an die Kälte herangeführt und so kann ich den argentinischen Winter in Buenos Aires schon besser verkraften. Hier werden bei 15 Grad nicht nur die Daunenjacken aus den argentinischen Schränken geholt, sondern auch Handschuhe, Mützen und dicke Winterschuhe sind bei den Argentiniern hoch im Kurs.
Lange verweile ich auch nicht mehr in den winterlichen Temperaturen, denn schon bald geht es auf eine andere Reise, von der ich euch hoffentlich bald berichten kann. Bis dahin sende ich ein wenig Abkühlung in das heiße Deutschland und verbleibe mit dem obligatorischen servus, adiós und bis bald!
Martha

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