Das Volk der Anden: Die Aymara

Bolivien ist in Europa in den letzten Jahren vor allem für die großen Rohstofflagerstätten wie dem riesigem Lithiumvorkommen bekannt geworden. Auf meiner letzten Reise durch den selbsternannten „plurinationalen“ Staat, lernte ich nicht nur neue Städte und Gegenden kennen, auch die mir so fremde Kultur der indigenen Andenvölker ist hier unglaublich greifbar. Dieser Ausflug in eine Welt, die schon seit über 3.000 Jahren existiert, ist der krasse Gegensatz zum Leben der argentinischen Gauchos und bildet doch ein Puzzleteil für das Bild, dass ich über Lateinamerika habe.

Unser Tourguide bringt uns zum etwas versteckten mercado de las brujas, dem Hexenmarkt. Vor kleinen, bunt bemalten Betonhütten sitzen die cholitas, wie man indigene Frauen in Peru und Bolivien nennt, und verbrennen über offenem Feuer Kräuter, Blumen und fein gespaltenes Holz. „Diese Frauen auf dem Hexenmarkt beraten die Menschen, die sie aufsuchen. Wenn jemand zum Beispiel ein Haus bauen will und noch nicht weiß, ob das angesparte Geld reicht, dann kommt man hierher.“, erzählt unser Guide.

Foto: Lea Brunnemer

„Die cholitas lesen dann aus den Cocablättern, ob der Hausbau vom Glück begleitet wird. Dann geben sie ihre Zustimmung. Sonst raten sie den Menschen dazu, dass sie lieber noch ein wenig sparen sollen.“

15.07.2023, El Alto, La Paz, Bolivien
Beim Beratungsgespräch

Mix aus zwei Welten

Es scheint schon eine ganz andere Welt zu sein, der ich hier in La Paz, Bolivien, begegne. Im Vergleich zu Argentinien ist der Einfluss der indigenen Kultur riesig: Kirchen sind mit indigenen Symbolen verziert und Namen von Straßen und Plätzen ähneln plötzlich nicht mehr dem Spanischen, sondern vielmehr Wörtern aus dem Aymara.

Eine ganz normale Kirche im Kolonialstil, oder?
…doch erst von nahen fallen Elemente auf, die aus dem indigenen Andenglauben entspringen. (Foto: Lea Brunnemer)

Aymara, das bezeichnet die Kultur, Sprache und auch das indigene Volk selbst, welches seit fast 3.000 Jahren belegt ist. Zusammen mit anderen quechua-sprachigen Völkern der Region zählt die Aymara-Population zu den wichtigsten und größten in Lateinamerika. Auch in Bolivien sind die Aymara vertreten: 30 bis 40% der Bevölkerung gehören zu dieser Kultur.

Aymara, das bezeichnet die Kultur, Sprache und auch das indigene Volk selbst, welches seit fast 3.000 Jahren belegt ist. Zusammen mit anderen quechua-sprachigen Völkern der Region zählt die Aymara-Population zu den wichtigsten und größten in Lateinamerika. Auch in Bolivien sind die Aymara vertreten: 30 bis 40% der Bevölkerung gehören zu dieser Kultur.

Dabei ist die Aymara-Kultur, im Vergleich zu anderen indigenen Völkern, noch lange nicht verschwunden. Die Traditionen werden noch immer aufrechterhalten und besonders im plurinationalen Staat Bolivien wird die Herkunft nicht nur bei Festtagen betont, sondern gehört eben auch zum Alltag vieler Bolivianer.

Hier wird nicht für Touristen getanzt, sondern zum Festtag der Stadt La Paz.

Was alles zusammenhält

Die große Kosmovision der ayamara ist dabei so gut wie in allen Lebensbereichen zu finden. Nicht nur Malereien auf den Straßen, auch traditionelle Kleidung und Riten werden immer noch ausgelebt. Dabei spielt Pachamama, die Mutter Erde, die Hauptrolle. Im Aymara Glauben ist sie nicht nur der Ursprung allen Lebens, sondern auch in allen Lebewesen, Pflanzen und Elementen.

Ein Hinweisschild am Titicacasee, dem „geheiligten See“ im Aymara sowie Inka Glauben: „Wirf keinen Müll hier hin. Respektiere die Pachamama, Mutter Erde. Für die Zukunft deiner Kinder und deines Landes“

Der Geist der Pachamama schwebt sozusagen über allem und ist gleichzeitig in allem. „Alles“ bezieht sich dabei aber nur auf Gegenstände oder Zustände, die auf natürliche Art und Weise auf der Erde vorzufinden sind. Wird beispielsweise ein neues Haus gebaut, so muss dieses „unnatürliche“ Gebilde vor der Pachamama als natürliches Wesen mit eigenem Geist präsentiert werden.

Alte Rituale für junge Mauern

Um dies zu erreichen, wird schon seit Jahrhunderten ein Ritual vollzogen, dass in unserer europäischen Vorstellung ziemlich grausig zu sein scheint. Um die Pachamama von den neugebauten Häusern zu überzeugen, werden mumifizierte Lamababys (in den meisten Fällen sogar Föten, die noch nicht geboren worden sind) in den Grundstein einzementiert. So soll die Energie des ungeborenen Tieres in das „künstliche“ Haus eingehen und den Schutz der Pachamama erfahren.

Kaufen kann man diese mumifizierten Lamas auf im Stadtzentrum von La Paz.

Andere Rituale sind weitaus weniger befremdlich für uns Europäer. Besonders bei Festen gibt es viele Traditionen, die unseren Ritualen ähneln, wie bekannte Trinksprüche oder das obligatorische Empfangen der Gäste mit einem Begrüßungsgetränk durch den Gastgeber. Pachamama ist dabei immer ein Teil der andinen Etikette und bekommt beispielsweise bei jedem Getränk den ersten Schluck. Das bedeutet, dass nach dem Öffnen eines Getränkes, erst einmal ein wenig auf den Boden gekippt wird, um „mit Pachamama zu teilen“. So kommt es, dass Veranstaltungsräume der Aymara immer auch Abflusssysteme besitzen.

Während einer Feier gibt es immer Angestellte, die mit dem Wischen des Bodens beauftragt sind. Was Pachamama zusteht, soll schließlich auch an sie weitergeleitet werden.

Schaffen, schaffen, Häusle bauen – aber auf bolivianisch

Ein anderes wichtiges Element in der Kultur des Andenvolks ist das Ziel, welches ein jeder Aymara haben sollte: Ein eigenes Haus zu besitzen. Den Traum vom Eigenheim können sich die Aymara trotz der eigenen ärmlichen Verhältnisse oft erfüllen, da seit jeher das Handeln in ihrem Alltag verankert ist. Die geschickten indigenen Kaufleute haben so eine eigene Strategie entwickelt, wie ein Hausbau trotz geringer finanzieller Rücklagen möglich ist.

Die oft drei- oder vierstöckigen Häuser beinhalten im Untergeschoss Lebensmittelläden oder andere Geschäfte, während im ersten Geschoss oft ein „salón de fiestas“, also ein Veranstaltungsraum für Feiern, angesiedelt ist. Darüber kann sich dann ein Fitnessstudio oder Arzt befinden. Ganz oben siedeln sich die Hausbesitzer mit einem kleinen Häuschen an.

Ein mustergültiges cholet mit mehreren Kiosken und anderen Lebensmittelläden im Erdgeschoss, einem großen Veranstaltungsraum im Transformer-Stil in den mittleren Obergeschossen und dem futuristischen Haus der Eigentümer im letzten Stock.

Diese cholets, die aus den Wörtern cholo (Indigener) und chalet (Einfamilienhaus in Andenregion mit Garten) bestehen, lassen sich vor allem in El Alto, Bolivien, finden. Sie werden jedoch nicht an einem Stück gebaut, denn erst wenn der Eigentümer genügend Gewinn mit der Miete des Lebensmittelgeschäftes erwirtschaftet hat, beginnt er mit dem Bau des nächsten Stockwerks. Einer der bekanntesten Architekten ist dabei Freddy Mamani, der als Aymara den Baustil dieser cholets besonders geprägt hat.

Der Kreativität sind dabei keine Grenzen gesetzt und so finden sich beispielsweise auch asiatische Einfluss in diesem cholet, welches einer Familie gehört, die Pyrotechnik aus China vertreibt.

Dabei orientiert sich der Aufbau der Gebäude vor allem am Andenkreuz. Dieses tawa chakana wurde besonders durch die Inkas bekannt, geht aber auf frühere Kulturen zurück. Dabei werden die vier Himmelsrichtungen durch die vier Enden abgebildet, während die Stufen zwischen den Balken für die drei Welten stehen, die nach indigenem Glauben aus der Welt der Götter, der realen Welt sowie der Unterwelt bestehen.

Das Andenkreuz: qollana bedeutet „hervorragend oder besonders wichtig“, chacha ist der Mann in Aymara, während warmi für die Frau steht. Ein Guide hatte bei einer Tour zu Inkaruinen ein wenig aus dem Aymara-Nähkästchen geplaudert und uns eine Handvoll Wörter beigebracht.

Essentiell zum Überleben

So symbolisiert das Erdgeschoss eines cholets die Unterwelt, welche im Glauben der Aymara nicht als düsterer Endzeitort funktioniert, sondern vielmehr als Repräsentation der Vergangenheit, auf die man wortwörtlich „bauen“ kann. Hier befinden sich also Geschäfte, die dazu dienen den Körper zu ernähren und ihn für die reale Welt zu stärken.

Während die Unterwelt durch die Schlange repräsentiert wird, bildet der Puma mit seiner natürlichen Kraft die tierische Vertretung der Welt der Menschen. Im Bauplan eines cholets wird wie gesagt über den Lebensmittelläden ein Veranstaltungsraum, eine Praxis oder ein Fitnessstudio gebaut. Hier findet das „echte“ Leben statt. Denn nur die freie Zeit, welche nicht die Arbeit beinhaltet, bedeutet für die Aymara „zu leben“.

Sonnenplatz

Nachdem auch mit dem Betrieb der Freizeiträume genügend Gewinn erwirtschaftet wurde, können sich cholet-Besitzer endlich auf den Bau ihres eigenen kleinen Häuschens konzentrieren. Zufrieden über dem eigenen Lebenswerk thronend, wird es den stolzen Eigentümern nicht kalt werden, denn die für sie lebenswichtige Sonne bescheint das Haus auf dem Hochhaus nun den ganzen Tag.

Das Symbol des Kondors bestimmt diese letzte Welt der Aymara, welche den Göttern geweiht ist. Nach einem erfolgreichen Leben ist es nun den cholet-Besitzern gestattet, sich auf ihrem Lebenswerk auszuruhen und auf ihr Haus herunterschauen zu können. Oft sind diese Häuser mehr als eine Millionen US-Dollar wert, eine Menge für bolivianische Verhältnisse.

Neben dem Puma, sind die Schlange und der Kondor zwei wichtige Tiere im Aymara-Glauben, repräsentieren sie doch die entlegenen Welten der Götter sowie der Ahnen.

Andere Exotik?

Mittlerweile bin ich wieder zurück in Buenos Aires, wo ich nicht sofort auf Englisch angesprochen werde, nur weil ich ein wenig anders als der Rest der Bevölkerung aussehe, und wo statt Papaya und Mango, Apfel und Birne gegessen werden. Argentinien – das ist nicht „weniger“ Südamerika als Bolivien. Eher müsste man sagen, dass es ein anderes Südamerika ist.

Von der bolivianischen oder argentinischen Kultur zu sprechen, gestaltet sich äußerst schwierig – das habe ich in den vergangenen Wochen nur zu gut kennen gelernt. Was man im ersten Moment von einer Kultur wahrnimmt – wie Häuser, Menschen, Kulinarik und auf was man sonst als Tourist so trifft – ist nicht alles, was diese Kultur ausmacht. Sondern nur die dünne Oberfläche des so tief reichenden Eisbergs.

Im Fall „Bolivien“ konnte ich ein wenig tiefer graben und habe das Gefühl den Aymara, dem alten Andenvolk, ein wenig näher gekommen zu sein. So bringe ich nicht nur einen Sonnenbrand (wir waren viel draußen unterwegs), Staub aus der Salzwüste und andere Andenken an diese Reise mit nach Buenos Aires, sondern genügend Anekdoten und Erlebnisse, die es vielleicht in den nächsten Blog schaffen werden. Also: Jikhisiñkama, bis bald auf Aymara!

Martha


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