Wer nach Buenos Aires kommt, muss einfach bestimmte Dinge gesehen haben: Den Regierungssitz des argentinischen Präsidenten (die Casa Rosada), den Obelisken auf einer der ehemals größten Straßen Lateinamerikas, der Avenida 9 de Julio, und die bunten Blechhäuser am Hafen in La Boca, um nur ein paar der Highlights zu nennen. Die meisten Touristen verpassen zwischen all diesen Schauplätzen, Stadtrundfahrten und Tango-Shows jedoch einen Geheimtipp: Den Besuch einer Bar Notable.
92 Cafés und Bares Notables befinden sich in Buenos Aires. Sie prägten die Geschichte und die Kultur der Stadt in so großem Maße, dass es sogar ein Gesetz gibt. Die „Kommission für den Schutz und die Förderung von Cafés, Bares, Billares und Confiterías Notables in der Stadt Buenos Aires“ ist im Gesetz 35 verankert und sorgt für den Erhalt dieser bedeutenden Gaststätten.

Notable, also bedeutend, sind diese Gaststätten vor allem für die Bewohner von Buenos Aires, die Porteños. Denn hier trafen sich Schriftsteller, Musiker, Schauspieler und Politiker, bis heute gelten die Bars als feste Institution im Kulturbereich. Je nach Stadtviertel gibt es ganz unterschiedliche Bares und Cafés Notables. So befinden sich in unserer Nachbarschaft in San Telmo die Bar „La Poesía“, die ganz den schreibenden Dichtern und Denkern mit Fotos und Texten an den Wänden gewidmet ist, und „El Hipopótamo“, wo schon so einige kultige Spielfilme gedreht wurden.


Ein wenig düster kommt „La Poesía“ daher. Vielleicht doch eher ein Glas Rotwein zur Zeitung?


Ganz anders dann die Bar, die nach dem Nilpferd benannt wurde: Im „Hipopótamo“ finden sich Relikte aus dem Anfang des letzten Jahrhunderts mit Fotos von Schauspielern und Sängern. Sogar eine Anleitung für den Tango (links oben) ist an der Wand angebracht.
Dennoch teilen sie ein wichtiges Merkmal: Sie gelten als Ort des encuentro (Zusammentreffens). Hier sitzen die Einheimischen auf den charmanten Holzstühlen, gehen dem neusten chisme (Klatsch) nach, schauen Fußball oder lesen Zeitung und trinken ihren Café Cortado. Der Cortado wird als Espresso mit lauwarmer Milch serviert und gilt als die argentinische Art Kaffee zu genießen.



In Gesellschaft oder Allein, egal wie: Die Bar Notable ist fest im Leben der Porteños verankert.

Was alle Bars und Cafés zudem verbindet, ist auf jeden Fall die Ausstattung. Bisher war ich zwar nur in vier Notables (ich muss ja schließlich auch mal die Uni-Schulbank drücken 😉), jedoch sind sie sich immer ein wenig ähnlich: So gut wie jede Bar Notable wirkt ein wenig düster. Das mag wahrscheinlich an den dunklen Holzstühlen und -tischen liegen, die für das besondere Flair in den Gaststätten sorgen. Der große Tresen im Eingangsbereich mit einer Vielzahl an Weinflaschen und aufgehängten geräucherten Würsten oder Fleisch vermittelt eine Gemütlichkeit, die ich eher von alten Berghütten kenne.




in der Zeitmaschine
Beim Besuch einer Bar Notable fühlt man sich schnell in die Vergangenheit versetzt. Hier scheint die Zeit ein wenig langsamer zu vergehen oder gar ganz stehen geblieben zu sein. Nur wenige Touristen verirren sich in dieses so ganz andere Buenos Aires und so bleibt den Porteños das, was man in Deutschland vielleicht als Stammkneipe oder Lieblingscafé bezeichnen würde. Kulinarisch ist die Bar Notable zwar nicht als Parrilla-Restaurant zu bezeichnen, dennoch gibt es einige Klassiker der argentinischen Küche, wie Pastagerichte oder die berühmte Milanesa, das argentinische Schnitzel.

So ist eine Bar oder ein Café Notable zu fast jeder Tages- und Nachtzeit eine gute Anlaufstelle und besonders an den heiligsten aller Tagen in Argentinien sind sie vollbesetzt: Gibt es ein Fußballspiel, werden die Tische verrückt, Stühle herangezogen und die große Leinwand aufgerollt, um bei den spannendsten 90 Minuten des Tages nichts zu verpassen. Eine Bar, die sich diesem Thema äußerst nachdrücklich widmet, ist „El Banderín“. Hier sind die Wände mit unzähligen Wimpeln und einigen Trikots von Fußballvereinen aus aller Welt gepflastert. Zwischen den argentinischen Giganten wie Boca und River tauchen sogar der FC Bayern und andere deutsche Vereine auf.



Bis zum Ende meiner Zeit in Argentinien bleiben mir noch einige Bares Notables, die mich mit ihrem selbstgebrauten Bier, hausgemachter Pasta oder einem kräftigen Cortado erwarten. Bestimmt werde ich jedoch auch in der ein oder anderen Notable in San Telmo, meinem Stadtviertel, vorbeischauen. Denn nach sechs Monaten in Argentinien darf man doch langsam auch sein Stammcafé haben, oder?
Schon schön… Aber auch die Realität?
Die Bares Notables haben schon ein wenig mein Herz erobert, denn wo bekommt man sonst eine kostenlose Zeitreise ins „alte“ Argentinien? Oft genug vergisst man die Wirtschaftskrise und die Armut im Land, wenn man an den Holztischen sitzt und vielleicht sogar ein altes Tango-Lied hört. Die Bars zeugen vom alten Reichtum, aber auch dem Stolz der Argentinier auf ihre ganz eigene Barkultur.


Einen warmen Tee hatte ich in letzter Zeit dem Kaffee vorgezogen, denn mich hatte die argentinische Wintergrippe komplett erwischt. Jetzt bin ich aber wieder fit, freue mich über die ersten Frühlingssonnenstrahlen und auf den Sommer in Buenos Aires. Dieses Wochenende gibt es ein besonderes Highlight: Die nationale Mate-Tee-Messe findet statt und die kann ich mir auf keinen Fall entgehen lassen. Ich trink einen Mate für euch mit, bis ganz bald, servus und adiós,
Martha

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