„Nicht schon wieder!“, mag sich der ein oder andere eifrige Leser an dieser Stelle denken. Oft genug habe ich hier auf dem Blog die argentinische Liebe zum Fleisch beschrieben und vom typischen Asado einer Parrilla (Steak-Restaurant) bis zu den Kartoffelchips mit Schinkengeschmack nichts ausgelassen. Aber gerade weil das Thema des Fleischessens hier so groß ist, treffe ich fast täglich auf mir bis dahin unbekannte Traditionen rund um das wohl argentinischste aller Gericht: Das Asado. Selbst auf der Straße schlägt mir diese Liebe zum Fleisch in dunklen Rauchwolken entgegen, aber beginnen wir von vorne…
Es ist wieder einmal ein sonniger Tag im frühlingshaften Buenos Aires. Obwohl die Nacht kalt war, wärmt die Sonne schon die kühle Luft auf. Am Himmel sind fast keine Wolken zu finden, heute wird ein schöner Tag. Es ist kurz vor zehn am Vormittag, als ich das Haus verlasse. Bevor ich am Abend in die Uni muss, will ich noch schnell die Wäsche wegbringen und die letzten Zutaten für das Mittagessen einkaufen. Auf dem Weg zum Supermarkt meines Vertrauens weht mir dann ein wenig Rauch entgegen.
Zwischen Schutt und Asche
Unsere Straße wird im Moment komplett erneuert. Bis vor ein paar Wochen war alle paar Meter der Asphalt aufgerissen und Auto- sowie Fahrradfahrer lieferten sich waghalsige Slalomfahrten um Schutthaufen, Absperrungen und aufgerichtete Pflastersteine. Der Staub erwies sich daher schon langsam als Gewohnheit und als es in den Urlaub nach Bolivien ging, war ich ziemlich froh, nicht nur Erholung von der Uni, sondern auch von der Baustelle vor der Haustüre zu haben.
Wieder zurück in Buenos Aires, stellte ich mit großem Vergnügen fest, dass die Bauarbeiter trotz argentinischer Arbeitsweise ziemlich schnell die Straße geglättet, geteert und den Bürgersteig gepflastert hatten. Der nächste Häuserblock ist nun also dran und so kann die Phase der lokalen Baustellenevolution aus einer größeren Distanz heraus bestaunt werden. Die neu gepflasterten Wege sind jedoch noch nicht ganz für den Publikumsverkehr freigegeben, sondern werden als Lagerplatz für Steine und Schutt genutzt.
Heiligtum auf der Straße
Einigen ausgewählten Abschnitten der Baustelle wird jedoch eine ganz besondere Würde teil. Diese – ja fast schon sakralen – Orte gibt es auf jedem Gelände, das aufgrund von Bauarbeiten abgesperrt wurde. Sind sie doch schon fast die heiligen Stätten, die jedem Argentinier das Leben einhauchen. Ja, vielleicht wurde es schon erraten. Es geht um den Platz des Asados auf einer Baustelle.
El asado del albañil – das Asado der Maurer
Der Name dieser ganz speziellen Art des Grillens verspricht nicht zu viel. So ist dieses „Maurer-Asado” wohl nicht nur in Rohbauten zu finden, wo Maurer ihrem Handwerk nachgehen, sondern tatsächlich am meisten bei Straßenbauarbeiten. Aber was macht es eigentlich zu so einem nennenswerten Thema, dass es hier im Blog angesprochen werden muss?

Zugegebenermaßen weiß ich auch nicht immer, wie in einem Restaurant das Asado zubereitet wird. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es nicht so wie auf der Straße beim Baustellen-Asado (wie wir Deutschen es liebevoll nennen) gegrillt wird. Hier kommt nämlich das Fleisch oft auf die Gitter, die eigentlich Schächte oder Gullys abdecken, und wird so über einem ziemlich potenten Feuer gegart.
El famoso asado del albañil. Son tiritas de asado, se hacen más rápido y es ideal para no perder tanto tiempo jajaja
„Das berühmte „asado del albañil“. Das sind kleinere Bratenstücke, die schneller zubereitet werden können und ideal sind, um nicht so viel Zeit zu verschwenden, hahaha“, antwortet mir eine Argentinierin auf Instagram, als ich das erste Mal verwundert ein rauchendes Baustellen-Asado hochlade.

Dieses Feuer, das oft für graue Rauchschwaden über der Straße sorgt, besorgt oder wundert niemanden hier in Argentinien. Die Leute spazieren mit ihren Hunden und Kinderwägen vorbei, gehen Einkaufen oder holen sich selbst beim Metzger noch schnell ein bisschen Fleisch für das Mittag- oder Abendessen. Möglicherweise ist das Baustellen-Asado auch einfach nur eine gute Marketingstrategie für die anliegenden Metzgereien, wer weiß…
Ich für meinen Teil bin also schon um zehn Uhr gut durchgeräuchert auf meinen Weg der alltäglichen Besorgungen und atme den leichten Holzkohlegeruch ein. Was auf der bayerischen Baustelle vielleicht die Leberkäsesemmel ist, ist hier also das – mehr oder weniger hygienische – Asado. Autos fahren nämlich trotz Absperrung noch immer an der Baustelle und somit auch an den Fleischstücken vorbei, die – im besten Fall – auf dem Grill oder roh in der Sonne liegen. Ein wenig graust es mir zudem auch einfach vor der Tatsache, dass wirklich auf der Baustelle das Fleisch gegrillt wird, also direkt bei Baumaterial, Dreck, Staub und Schmutz.
Anscheinend scheint es ja zu schmecken, denn mindestens einmal pro Woche wird mittags zum Asado gebeten. Zumindest auf der hiesigen Baustelle. Naja, jedem das seine. Bei mir macht sich nach über sechs Monaten Argentinien langsam wieder die Lust auf deutsches Brot und bayerische Brezeln breit. Das Asado wird mich wohl noch ein wenig begleiten und vielleicht komme ich ja doch noch auf den Geschmack des Straßengitter-gegrillten Asados auf der Baustelle. Denn schließlich beginnt die Grill- (und Sommersaison) jetzt in Argentinien, wo es bestimmt bald wieder viel zu berichten geben wird. Bis dahin: Servus und adiós,
Martha

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