„Es ist nicht alles Gold, was glänzt“. Das kennt wohl jeder. Oft genug trifft dieses Sprichwort bei alltäglichen Dingen zu. Und eben auch beim Thema Auslandssemester. Hier glänzt auch nicht immer alles. Der Duden definiert diesen Ausspruch mit „der Schein trügt“, was ziemlich gut zum heutigen Thema passt. Denn hinter den schönen Fotos, witzigen Anekdoten und interessanten Erfahrungen während meines Aufenthalts in Argentinien steht so einiges mehr.
Kein trauriger Eintrag
Zuallererst: Mir geht es wirklich gut. Bevor sich meine Leser Sorgen machen, will ich auf jeden Fall klarstellen, dass ich eine super Zeit hier habe, es noch immer sehr genieße und mich immer wieder für diese Erfahrung entscheiden würde. Was ich aber eben auch mit meinem Aufenthalt und in vielen Gesprächen mit meinen Mitstudenten aus Passau oder im Kontakt mit Familie und Freunden bemerkt habe, ist, dass ein Aufenthalt im Ausland, besonders ein Studium, oft nur mit den positiven Nebeneffekten assoziiert wird, die das „Weg-Sein“ mit sich bringt.




Auslandssemester: Schöne Erlebnisse sind vorprogrammiert, aber da ist noch mehr…
Natürlich gibt es immer Höhen und Tiefen, wobei man von letzteren eher ungern spricht. Wer will sich schon an schwierige Momente erinnern, wo auch mal die ein oder andere Träne vergossen wurde? Je mehr ich darüber nachgedacht habe, dass ich mich vor allem mit schönen Fotos und guten Nachrichten daheim melde und die Schattenseiten nicht sehr oft nach außen kommen, erschien es mir wichtiger, das Thema anzugehen. Dafür habe ich sogar eine kleine Umfrage unter internationalen Studenten in Buenos Aires gemacht, die ich heute hier im Blog einfließen lassen will.
Empirische Erhebung – aber nicht für die Uni
Meine sechs Befragten kommen neben anderen Ländern aus Lateinamerika auch aus Europa und hatten sich Argentinien als exotisches Land vorgestellt mit offenen, herzlichen und tiefenentspannten Menschen, die neben Fußball- auch Fleischliebhaber sind. Der Großteil dieser Vorstellungen stimmt mit der Erfahrung der Studenten überein, jedoch passt 1/3 der Annahme, wie Argentinien und der Aufenthalt seien, nicht in das Bild bevor die Koffer gepackt wurden und das Flugzeug abgehoben hatte.

Als Herausforderung wird dabei oft die Uni mit all den Neuerungen zum Heimatland gesehen. Nicht nur stellt der von vielen Eigenheiten geprägte argentinische Dialekt eine Enttäuschung für alle dar, die im südamerikanischen Land ankommen und plötzlich feststellen, dass hier doch ein ganz anderes Spanisch gesprochen wird, auch die Organisation der Vorlesungen mit mehr Prüfungen, Präsentationen und den Vorlesungszeiten am Abend stellt das Durchhaltevermögen der internationalen Studenten auf die Probe.
„Die größte Herausforderung war es, sich nicht zu sehr davon stressen zu lassen, dass es immer neue Herausforderungen gibt, die man meistern muss.“
Umfrage Juli 2023
Denn hat man einmal die Sprachbarriere gemeistert, muss man es mit dem Stoff aufnehmen, der besonders uns Deutschen aus Passau im Fach „Literatura Argentina & Latinoamericana“ so einige Nerven gefordert hat. Zumindest im ersten Semester in Argentinien war dieses „Horrorfach“, wie es in unseren Kreisen genannt wurde, sogar für einige ein Grund, beim Nichtbestehen den Flug nach Hause zu buchen. Heute, knapp drei Monate später und im nächsten Semester, können wir darüber lachen und erinnern uns schon fast mit einem Schmunzeln an die 60-90 Buchseiten, die uns Woche für Woche in Form von argentinischen Literatur-Klassikern aufgebrummt wurden.

Heimweh
Wichtig ist dann vor allem die freie Zeit, abseits von Uni und Vorlesungen. Aber auch da wartet im Auslandssemester eine ziemlich große Hürde, die klar scheint, aber wirklich schwierig zu überwinden ist. „Im-Ausland-Sein“ bedeutet eben auch „Nicht-Zuhause-Sein“, weg von Familie, Freunden und Partner – alle Befragten geben hier dieselbe Problematik an. Natürlich haben wir uns freiwillig dafür entschieden, aber besonders dann, wenn man in der Vorlesung aufgrund fachlicher oder sprachlicher Hindernisse nicht so viel verstanden oder extrem viele Aufgaben zu erledigen hat, wünscht man sich seine Liebsten natürlich her.
Oder eben, im gewohnten Umfeld zu sein. Ich habe diesen Beitrag ein wenig vor mir hergeschoben, weil ich ihn mit Abstand zu dieser schwierigen Anfangszeit und dem stressigen ersten Semester schreiben wollte, um nicht zu dramatisch zu klingen. Wenn es eben diese Tiefphasen gibt, ist es wichtig zu wissen, wie man daraus wieder herauskommt und sich selbst helfen kann. „Look at the big picture“, sich auf das große Ganze zu konzentrieren, hat einer befragten Person geholfen, aber auch der Kontakt über (Video-)Anrufe nach Hause oder über das Internet bzw. Social Media hat meinen Mitstudenten – wie auch mir – gut getan.
Die Passauer
Wirklich bereichernd und einzigartig am Doppelbachelorprogramm der Uni Passau ist außerdem die Gemeinschaft mit den anderen Deutschen. Als Leidensgenossen tut es auch mal richtig gut, sich über eine unfaire Vorlesung aufzuregen, darüber zu reden wie viel Stress man hat oder sich gegenseitig zu helfen. Oder auch einfach mal ein wenig Zeit miteinander zu verbringen.


Mit den Passauern ging es tatsächlich auch einmal wieder „in die Heimat“ – kulinarisch in der „Extrawurst“, einem bayerischen Restaurant in Buenos Aires
Dabei ist es auch nicht so, dass wir in einer Bubble „alemán“ leben und nichts mit unseren argentinischen Kommilitonen zu tun haben. Jeder macht sein eigenes Ding, aber in stressigen Prüfungszeiten oder nach langen Unitagen ist es schön, ein paar Passauer um sich zu haben, die auch im gleichen Boot sitzen. „Talk about it and staying focused“, meint jemand in der Umfrage. Reden und auch fokussiert bleiben, auf eigene Ziele, Bedürfnisse und Wünsche achten. Dinge, die in einem Ratgeber „Was hilft mir im Auslandsstudium weiter“ bestimmt nicht fehlen dürfen.

Obwohl in dieser Umfrage so einige Schattenseiten und Tiefphasen erwähnt wurden, würde jeder der Befragten wieder ins Flugzeug nach Buenos Aires steigen. Man sei nicht nur stärker geworden, sondern zudem auch über sich hinausgewachsen. Die argentinische Kultur so nah erfahren zu haben, sei einfach bereichernd gewesen, ebenso wie so viel neues zu lernen. All das wurde tatsächlich kurz nach der Prüfungsphase im Juli 2023 geschrieben, als viele Abschlussprüfungen noch nicht vorbei und einige Fächer nicht sicher bestanden waren. Eine Antwort gefiel mir dabei besonders gut:
„Ich würde es empfehlen, aber nicht den Fakt herunterspielen, wie schlecht es mir teilweise auch während meines Aufenthaltes ging. Natürlich sollte man nicht nur das Negative beleuchten, aber es ist wichtig, dies nicht zu verschweigen. Ich glaube, dass der Aufenthalt sehr wertvoll für die persönliche Entwicklung ist.“
Umfrage Juli 2023
Auch mir ging es während des ersten Semesters manchmal nicht so gut. Sei es der Stress durch die ständigen Abgaben an der Uni, das Vermissen von Daheim oder der August, in dem ich fast vier Wochen eine der stärksten Erkältungen meines Lebens hatte.
Anbei ein kleiner Fakt über argentinische Apotheken – die ich in dieser Zeit sehr oft aufgesucht hatte: Kann man in Deutschland Hustenbonbons sogar an der Supermarktkasse kaufen, braucht man in Argentinien viel Geduld, denn man muss sie – wie andere Medikamente – am Apothekertresen bestellen. Als wäre ich in einer Zeitschleife gefangen, musste ich jeden zweiten Tag zu Farmacity, der nächstgelegenen Apotheke in der Nachbarschaft, die nebenbei eine der größten Ketten Argentiniens ist. Denn in den Hustenbonbonpackungen befinden sich nie mehr als zehn Tabletten, was im Übrigen auch für Halsweh- und sonstige Medikamente gilt.
Aber zurück zur Umfrage: Ein Highlight war für (ich stelle die These: alle) Deutschen die letzte Literaturstunde, die ein Ende des Bücher-Schreckens verhieß. „Das Wissen, dass sich die harte Arbeit in der Uni ausgezahlt hat [und] die ganzen Tränen, Stress und Verzweiflung nicht umsonst“ waren, ebenso wie die Reisen zum Kennenlernen des Landes, zählen zu den Höhepunkten und Glücksmomenten im Auslandssemester. Auch „das Gefühl, sich endlich richtig eingelebt zu haben“ wird dabei oft genannt und wäre auch von mir eine Antwort gewesen.
Kein Drama
Auch ich bereue es nicht diese Erfahrung gemacht zu haben. Nachdem es jetzt aber langsam auf die Zielgerade im Projekt „Argentinien“ geht und auch ich gerne an die schönen Momente der letzten sieben Monate zurückdenke, wird mir immer klarer, dass diese Höhen mich ebenso geprägt haben wie die Tiefen. Beides ist wichtig, beides sollte man nicht vergessen. Zum „big picture“ gehört eben alles. Ein Aufenthalt im Ausland erweitert den eigenen Blick, das hoffe ich heute auch mit eurer Vorstellung über Auslandssemester getan zu haben – und dass es nicht zu ernst geworden ist 😉
Danke fürs Reinlesen, bald gibt es wieder Updates aus Buenos Aires – wo die Natur im Moment alles für einen gelungenen Frühling tut. Bis dahin, machts gut! Servus und Adiós,
Martha
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