Melancholie: ein akademisches Adiós

Die Zeit in Argentinien neigt sich dem Ende zu. Zwar habe ich hier noch drei Wochen bis mein Flug nach Deutschland geht, aber das Verabschieden begann schon in den letzten Tagen mit den finalen Vorlesungen und Prüfungen in der Uni. Was zwischen diesen allerletzten Unitagen und der Erkenntnis, dass bald alles vorbei ist, passiert… Dazu heute mehr!

Ich schaue auf die Hochhäuser von Puerto Madero. Das Businessviertel in Buenos Aires ist bekannt für seine hohen, verglasten Wolkenkratzer, die den krassen Gegensatz zum französischen Baustil der Stuckfassaden in der Innenstadt bilden. Von unserer Wohnung in San Telmo, wo ich seit Mai nach zwei Umzügen lebe, studiere, arbeite und Mate trinke, sieht man besonders gut die Spiegelung des Sonnenuntergangs in den gläsernen Fassaden. Ich mag dieses Licht am Abend, die „Ruhe“, die jedoch ein wenig von der nahegelegenen Autobahn gestört wird. Und doch gehört dieser Hintergrundlärm aus dröhnenden Auspuffen und enthusiastischen Hupen zu meiner Geräuschkulisse der letzten neun Monate. Ein wenig Wehmut überkommt mich, sind es jetzt doch nur noch ein bisschen mehr als drei Wochen, bis ich Argentinien verlasse und zurück nach Deutschland fliege.

Ein anderer Abschied

Aber ich denke auch mit einem Lächeln an all die Erlebnisse, die mir diese Stadt – „mein“ Buenos Aires – während den letzten Monaten beschert hat. Langsam beginnt die Zeit des Abschieds, denn ich muss „ciao, adiós und servus“ sagen: Zu meiner Zeit an der Uni, zu den Menschen, die mein Auslandssemester so besonders gemacht haben, zu „meinem“ Argentinien. Dazu gehören auch die Menschen in Santiago, mein altes Projekt aus dem Freiwilligendienst. Dieses Mal habe ich Zeit zum Abschiednehmen, ohne einem Virus im Rücken, ohne die Angst vor der Unsicherheit dieser Pandemie.

Am Himmel zieht ein Flugzeug vorbei, in Richtung Aeroparque, einer der zwei Flughäfen in Buenos Aires. Morgen werde ich von dort starten, denn auch für mich geht es in die Luft. Ein letztes Mal fliege ich nach Santiago. Ein letztes Mal, bevor es für mich wieder nach Deutschland geht. Das Verabschieden beginnt. Wenn auch viel Wehmut in dieser ganzen Verabschiederei liegt, kann ich mein Kapitel „Argentinien“ wohl mit Zufriedenheit, Stolz und einem Lächeln beenden. Wie gesagt, dieser so langsame Abschied tut mir mehr als gut.

Akademisches Adiós im Prüfungsstress  

Letzte Woche hat es schon mit der Uni angefangen, denn nicht nur war es die letzte Woche der Vorlesungen, es fanden die letzten Prüfungen statt. Auch hier wird mir auf jeden Fall das Schmunzeln der Argentinier von letzter Woche im Gedächtnis bleiben, sowie der Ausruf nach meiner Abschlusspräsentation im Fach Personal, wo der Vortrag mit „muy alemán“ bezeichnet wurde. Denn im Gegensatz zu den mit Bildern gespickten und farbenfrohen bis regenbogenfarbenen PowerPoint-Folien, war das Layout der Deutschen…sehr deutsch: Ein dunkelblauer Hintergrund, weiße Schrift, Bilder nur, wenn sie auch wirklich nötig waren. Trotz neun Monaten Argentinien wird man so manche Indoktrinierungen wohl nie los.

Aber auch die persönliche Verabschiedung durfte nicht fehlen: So organisierten wir Deutschen für einen Dozenten, der uns seit März in seinem Klassenzimmer sitzen hatte, eine entspannte letzte Stunde mit Empanadas (argentinischen Teigtaschen), Cola und Kuchen. Wir blieben länger als sonst mit ihm in der Uni, philosophierten über unsere Bachelorarbeitsthemen (die langsam fix sein müssen, denn es geht ans Schreiben!), argentinische und deutsche Musiklegenden, sowie die anstehende Wahl am Sonntag. Zudem hatten wir einen sichtlich stolzen „profe“ (wie die Argentinier die Dozenten hier nennen) vor uns, der sich an alle Namen erinnerte und wirklich alle richtig aussprechen konnte. Dabei blieb kein Auge trocken…

Einfach vorbei

Es war schon komisch, die Uni das letzte Mal zu verlassen und zu wissen, keine Veranstaltungen, Vorlesungen oder Prüfungen mehr in diesem Gebäude zu haben. Denn natürlich: Hier haben wir Deutsche den Großteil unserer Zeit verbracht. Den etwas holprigen Start im argentinisch-akademischen Bildungssystem und so manche Überraschungen sei es ein verschobener Prüfungstermin, Noten oder andere (in Deutschland so strenge) Bewertungssystemen gewesen. Mit dem Wissen, diese Zeit nicht so schnell bzw. nie mehr wiederholen zu können, trat dann nach der letzten Vorlesung die große Erkenntnis ein: „Das war’s also jetzt?“, resümierte ganz gut, was sich alle fragten. Hätten wir uns unseren letzten Tag an der Uni glorreicher oder spannender vorgestellt? Vielleicht. Aber irgendwie passt diese Einfachheit und Pragmatik sehr gut zu Argentinien.

Ein letzter Blick auf eines unserer „Klassenzimmer“, manchmal hat sich die Uni in Argentinien wirklich wie Schule angefühlt.

Und ciao…Unizeit?!?!

Auch wenn es vielleicht nicht alle zugeben werden, ein wenig wird jedem Einzelnen die Uni in Buenos Aires dann doch fehlen. Für viele (auch mich) waren es die letzten Noten aus Vorlesungen, die für das Bachelorstudium gebraucht werden. Jetzt fehlt nämlich nur noch die eine große Arbeit, die hoffentlich ganz gut von der Hand gehen wird. Deswegen bildet Argentinien auch einen (Teil-)Abschluss meines Lebens als Studentin. So werden auch mir die Stunden an der Uni fehlen, wo Gespräche vielleicht kurz (also so für 30 Minuten) zu Fußball, der Tagespolitik oder Gründen, warum die Argentinier einfach „maravillosos“ (wunderbar) sind, abschweifen.

Eine kleine Erinnerung an die Zeit: Der offizielle Uni-Pullover aus dem lokalen Fanshop unserer Universität 😉

Trotz aller Melancholie und schönen Erinnerungen: Ein bisschen mehr als drei Wochen bleiben mir noch, in denen noch viel organisiert, besucht und angeschaut werden muss. Ich will die letzte Zeit gerne so gut wie möglich auskosten. Und deswegen geht es morgen schon los nach Santiago. Wenn ihr diesen Blog lest, bin ich wahrscheinlich bereits in der heißesten Provinz Argentiniens, denn es sollen tatsächlich um die 40 Grad werden!

Ich lass bald wieder was von mir hören, jetzt wo die Uni vorbei ist… Also bis ganz bald, ciao, adiós und servus!

Martha


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