Kopf Verspätet – Zeit zum Ankommen

Wieder zurück zu sein ist gar nicht mal so einfach. Auch wenn ich es selbst nicht wahrhaben wollt, das Ankommen daheim braucht ebenso Zeit wie das Ankommen an einem neuen Ort. Oder ist „daheim“ nach knapp neun Monaten Ausland ein neuer Ort? Vom (Wieder-)Ankommen in der Heimat, die man plötzlich mit den Augen eines Touristen sieht, Weihnachtselfen am Flughafen in Amsterdam und der Frage, wie lange es dauert: Das Ankommen.

Irgendwas zwischen Touristin und Einheimischer

Eigentlich hätte ich nicht gedacht, dass ich „so kurz“ nach meinem Ankommen wieder auf diesem Blog unterwegs bin. Naja, was heißt hier kurz. Mittlerweile bin ich auch schon wieder über drei Monate in Deutschland. Trotzdem höre ich immer wieder Fragen wie „Und, wie geht’s dir mit dem Ankommen?“, „Bist wieder gut daheim angekommen?“ und „Wie war das Ankommen für dich?“. Dass es so viel Interesse zum Ankommen gibt, hätte ich nicht gedacht. Ist nicht das Unterwegs-Sein spannender, neue Menschen, neue Kulturen? Eben nicht. Und genau das stellte ich fest, als ich mir ein paar Gedanken über mein An- und Zurückkommen nach dem Auslandsaufenthalt in Argentinien machte.

Flying home for Christmas

Ich bin also wieder hier: Am 08.12.2023 erreichte ich nach einem wetterbedingten verlängerten Aufenthalt im nebeligen Amsterdamer Flughafen (wo unter einer Riesenweihnachtstanne die als Weihnachtselfen verkleidete Flughafenmitarbeiter Einkaufsgutscheine verteilten) meine bayerische Heimat. Von knapp 30 auf weniger als 0 Grad, mit Schnee auf den Straßen und Weihnachtsmusik im Radio. Kitschiger könnte es wohl kaum sein.

Anflug auf…Schnee & Winter. Zum Glück konnte ich in München landen und war nicht vom Frost betroffen!

Aufgeregt im Winter-Wonderland

Und so ertappte ich mich selbst dabei, wie ich als neugierige Touristin durch meine eigentlich doch wohlbekannte Heimat lief. Schnee in den Bergen, Weihnachtsdekoration in Passau, Christkindlmärkte mit Bratwurstständen, ein frostiger Spaziergang am Inn. Ich konnte nicht anders, als all das mit Fotos festzuhalten. War wirklich alles hier schon immer so schön gewesen? Bei meiner ganzen Freude über Altbekanntes fragte ich mich, wie es nur sein könne, dass ich mich fühlte, als würde ich alles zum ersten Mal sehen. Oder war es nur die Freude über frische Brezen, kleine Gässchen mit bunten Häusern, die Alpen oder die Sauberkeit und Sicherheit auf den Straßen?

Nicht Passau, sondern Weiden in der Oberpfalz. Das kleine Städtchen ist wohl das Gegenteil zum…
…quirligen Buenos Aires, das nie zu schlafen scheint.

Alles so bekannt, so neu?

Dieses Ankommen, bei dem Altbekanntes auf den ersten Blick nicht nur vertraut, sondern auch irgendwie fremd ist, fand ich schon nach meiner letzten Ankunft aus Argentinien seltsam. Hier half mir die freie Zeit, die ich bis zu meinem Praktikum im Januar haben würde. Mehr als einen Monat Zeit für mich, zum Ankommen, sacken lassen von Eindrücken und Erlebnissen und mich selbst wieder zu ordnen.

„Eine lange Reise hört nicht am Ziel auf, ein Stück von uns wird im Geist immer weiterreisen.“

Andreas Bechstein

Denn in den ersten Wochen musste genau das geschehen, mein Kopf musste erstmal nachreisen, war er doch noch immer unterwegs, irgendwo zwischen Buenos Aires und Lenggries. Denn ich hatte ja auch knapp neun Monate so gut wie aus dem Koffer gelebt. Genauer: Aus einem Koffer und zwei Rucksäcken. Da muss man sich erstmal wieder daran gewöhnen, wirklich auspacken zu können.

Aber auch, wenn ich mich so auf zuhause, meine Lieben und das deutsche Brot gefreut hatte, war der Abschied aus Argentinien nicht einfach gewesen. Viele der anderen Deutschen waren noch dort, ich war einer der Ersten, die ins Flugzeug in Richtung Heimat stieg und das stand schon ein paar Monate vor dem Rückflug nach Deutschland fest. Im Nachhinein ist es mir sehr klar, warum ich schon früh wusste, wann und wie ich wieder zurückfliegen wollen würde.

Nie wieder gestresster Abschied

Der weniger entspannte und überstürzte Rückflug aufgrund der Corona-Pandemie 2020 beendete nicht nur meinen Freiwilligendienst in Argentinien, sondern auch Hals über Kopf meine Zeit mit Freunden und den Kindern und Jugendlichen, die in meinem Projekt untergebracht waren. Dieses Mal wollte ich meinen Abschied anders gestalten. Genauer: Ich wollte ihn selbst gestalten. Meinen eigenen Fokus setzen, To-Dos abhaken, die ich noch erledigen wollte in Argentinien, mich von den Menschen verabschieden, die mir wichtig waren.

Und so nahm ich mir viel Zeit: Ich konnte die Museen anschauen, die ich noch nicht gesehen hatte. In mein Lieblingscafé in San Telmo den letzten Kaffee schlürfen und im Ecoparque nochmal die Maras dabei beobachten, wie sie sich mit den Capibaras und Pfauen um die letzten Krümmel im Fressnapf stritten. Ich machte mich noch einmal auf die Reise in mein altes Projekt nach Santiago del Estero, um auch dort noch einmal „Hola & Adiós“ zu sagen.

Kleine Randbemerkung: Meine Reise nach Santiago sollte eigentlich entspannt werden, da ich zur Abwechslung mal den Flieger nehmen wollte statt der langen Busfahrt von 14 Stunden. Der kurzfristige Flugausfall machte mir dann leider einen Strich durch die Rechnung, weshalb der Bus (2.v.links) dann doch herhalten musste. Zur Abschiedsfeier gabs dann aber im Oratorio was ganz Feines: Apfelstrudel (3. v. l.) und natürlich viel Mate (4. v. l.)!

Dieser Abschied war so viel ausgeglichener, entspannt und nur ein kleines bisschen traurig, denn nichts war überstürzt oder vom Reisestress überlagert. Eine wirklich schöne Zeit. Auch wenn es nicht leicht war, Buenos Aires und Argentinien nach so einer langen Zeit zu verlassen, fiel es doch auch gewisser Maßen leicht, weil ich mich auf zuhause und alle Menschen, die dort warteten, freuen konnte.

Trotzdem ist Buenos Aires doch zu einem anderen, zweiten Daheim geworden und es ist kaum vorstellbar, dass die Wohnung, die ja eigentlich eine Airbnb-Ferienwohnung ist, von anderen Leuten (Touristen!) als Lea und mir bewohnt wird.

Denn es scheint mir an manchen Tagen doch noch so, als würde ich mal wieder unserem Hausmeister einen Besuch abstatten und nach (geöffneten) Briefen für uns fragen oder einen Plausch mit dem Verkäufer in der Bäckerei Perú halten, der uns immer ohne viel Aufhebens ein paar Medialunas oder Alfajores (argentinische Kekse) über die Theke geschoben hat.

Was vermisse ich aus Argentinien?

Natürlich ist es außerdem auch die Möglichkeit, „einfach so“ mal im Oratorio am Wochenende vorbeizuschauen, was mir jetzt hier in Deutschland fehlt. Obwohl es doch 14 Stunden Busfahrt waren, die Buenos Aires von Santiago trennten.

Dass ich nun auch Buenos Aires ein wenig meine argentinische Heimat nenne, wird wohl einigen Freunden aus Santiago gar nicht gefallen, haben die Hauptstadt und ihre Bewohner doch eher ein versnobtes Standing beim Rest Argentiniens. Baires, wie es oft heißt, hat mich jedoch nicht mit seinen Wolkenkratzern oder schicken Restaurants überzeugt und in seinen Bann gezogen. Es waren eher die kleineren Parks, wo sich die Menschen am Abend zusammen zum Mate trafen, die Straßenmusikanten in der Subte-U-Bahn, das Aufgeweckte und doch Traditionelle der Stadt.

Alles, was ich brauche…

…habe ich hier in Deutschland. Denn auf keinen Fall will ich jetzt eine Aufzählung anfertigen, von allem „was mir fehlt“. Es geht mir super gut, besser als nach meiner ersten Ankunft in Deutschland im Jahr 2020. Aber es ist auch spannend, was mir zu „Und, was vermisst du jetzt aus Argentinien?“ einfällt, denn trotz allem gehört Argentinien eben auch ein bisschen zu mir und meinem Leben dazu – auch wenn ich nicht dort bin.

Für’s Protokoll kann ich aber ein paar Dinge sagen, die mir seeeehr fehlen (neben den Menschen natürlich ;)) Das Wetter steht da besonders an erster Stelle im grauen und nebeligen Winter in Passau, den langsam der Frühling ablöst. Und wenn ich schon das Wohlbefinden erwähne: Gegen ein saftiges Stück Bife de chorizo (Steak) ist doch nie etwas einzuwenden, oder?

Von Buenos Aires ins Büro

Nachdem ich wirklich genügend Zeit für meine Lieben zuhause und das Ankommen in Deutschland hatte, habe ich mich einer neuen Aufgabe gewidmet: Ein Praktikum, dass zwar nicht obligatorisch für mein Studium ist, aber es in gewisser Weise komplett macht. Denn endlich kann ich Wissen anwenden und den berühmt-berüchtigten Theorie-Praxis-Transfer selbst erleben und gestalten.

Die Arbeitswelt mit Büroalltag gefällt mir zudem auch wirklich sehr gut: Nun kann ich selbst etwas anpacken, ausarbeiten und leisten, das auch für meine spätere Karriere interessant sein könnte. Ein gutes Gefühl. Nach dem Praktikum wird dann der letzte Schritt in meinem Bachelorstudium angetreten. Denn die Bachelorarbeit (über – ihr habts bestimmt schon erraten – Mate) steht vor der Tür und will ausgearbeitet werden.

Es schmeckt – aber nicht nur deswegen schreibe ich über Mate in der Bachelorarbeit. Darüber mal mehr an anderer Stelle 😉

Bevor ich damit fertig werden, lasse ich bestimmt mal wieder etwas hören, habe ich doch jetzt im Praktikum sehr spannende Erfahrungen gemacht, die „Mate & other stories“ gerecht werden. Mein Lieblingsgetränk ist wie auch noch in Buenos Aires immer an meiner Seite aufzufinden, ebenso wie meine Lust, diesen Blog hier fortzuführen. Also bleibt gespannt, bis zum nächsten Mal & adiós!

Martha


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