Schon lange hab ich auf diesem Blog nichts mehr hören lassen – denn: Das Arbeitsleben hält mich auf Trap 😉 Während auch noch meine Bachelorarbeit darauf wartet, übersetzt zu werden (damit auch meine deutschen Leser endlich auch in den literarischen Genuss der Kultgetränke kommen können), hat sich so einiges angesammelt.
Denn Argentinien – liegt es auch mehrere tausend Kilometer weit weg – lässt mich natürlich nicht so schnell los. Da wären nicht nur die Kontakte, die noch immer aus meiner Freiwilligendienstzeit und dem Auslandssemester bestehen, sondern auch mein Job in einer interkulturellen Beratungsfirma und vor allem mein Zusammenleben mit den zwei tollen chicas – meinen argentinischen Mitbewohnerinnen.
Nachdem hier in Passau also ein Paralleluniversum bestehend aus vor allem spanischen Gesprächen über das Erwachsensein, deutsche Gelüste wie Sprudelwasser und den ganz alltäglichen (Studenten-) Wahnsinn stattfindet, habe ich zusätzlich aus meiner Zeit in Argentinien 2023 (!) einige Situationen gesammelt, die beschreiben „wie es so ist“ in einer interkulturellen WG oder gar als Fremde in einem anderen Land zu leben. Viel Spaß bei diesem bunten Strauß an Geschichten zum Schmunzeln oder Nachdenken 😉
Die Wunderbaren
„Como somos como argentinos?“ [„Wie sind wir als Argentinier“], fragt unser Dozent in der Veranstaltung „Interkulturalität“ in die Runde. Es geht mal wieder darum, wie „Kulturen so sind“. In der kulturwissenschaftlichen Vorlesung sollen Vorurteile auf die Probe gestellt, widerlegt aber auch verifiziert werden, soweit man das so sagen kann. „Los argentinos, somos maravillosos“ [„Wir Argentinier sind wunderbar“], nicht mehr und nicht weniger ruft unser Dozent ins Klassenzimmer – und wartet auf Protest. Der bleibt – wie soll es auch anders sein – natürlich aus, denn die meisten meiner argentinischen Kommilitonen schmunzeln über die ironische Äußerung, während ein großer Teil zustimmend nickt. Und die Deutschen? Grinsen sich an. Denn nach ein paar Monaten in Argentinien trifft dieses Vorurteil doch ein wenig zu. Und ist schließlich auch ein bisschen sympathisch – das sollte man die Argentinier nur nicht wissen lassen.

Argentinische Vorstellungen
„Alle Argentinier sind Fußballfanatiker“. Verallgemeinernde Aussagen wie diese rutschen uns in Alltagssituationen schon einmal raus. Viele davon treffen tatsächlich auf den Großteil der Argentinier zu, aber auch genügend Vorurteile entsprechen wenig oder gar nicht der Wahrheit. Ebenso wie wir haben auch Argentinier ein bestimmtes Bild „wie die Deutschen so sind“. Und das ist meistens doch gar nicht so angenehm. Denn oft kann man nur einfach falsch liegen, wenn davon ausgegangen wird, dass wahrscheinlich eh alle Argentinier Maradona toll finden (was nicht immer der Realität entspricht).
Alle Deutschen sind…
Na, was denkt ihr? Vielleicht lässt es sich erahnen, aber das Vorurteil, welches unter Argentiniern besonders verbreitet ist, ist das des europäischen Reichtums. Typische Vorurteile über „uns Deutsche“ sind immer vorhanden: Pünktlich, gewissenhaft, ordnungsliebend – Achtung, es wird eher unangenehm – rechthaberisch, emotionslos.
… Richtig reich
Aber vor allem fällt ein besonderes Bild über Deutsche auf: „Deutsche, die haben Geld“, dieser Meinung sind viele Argentinier. Wenn nicht sogar die Mehrheit. Deshalb kennen (in der argentinischen Perspektive) die meisten Deutschen nicht das „einfache Leben“. Auf einem Treffen von Studenten unseres Studiengangs stehe ich mit anderen Argentiniern auf der Terrasse des Hauses, wo man gut die anderen Häuser überblicken kann.
Auf einem Balkon zu sehen: Eine Wäschespinne, die nicht anders ist als in Deutschland. Nur mit dem Unterschied, dass gerade nichts darauf trocknete. „Seht ihr das da drüben?“, fragte uns ein Argentinier. „Das da, das ist ein Gerät, auf dem man Wäsche trocknen kann.“ Ein erwartungsvoller Blick auf uns Deutsche, die mehr oder weniger verwirrt auf das weiße Drahtgestell blickten. „Klar, bei euch in Deutschland gibt es das nicht. Da hat wahrscheinlich jeder einen eigenen Trockner, oder?“.
Meine Versuche zu erklären, dass eben nicht jeder Deutsche, besonders keine Studenten, über ein privates Wasch- bzw. Trocknungsgerät verfügen, wird schnell mit einem beschwichtigendem „Ach, ihr habt doch alle Geld“ erstickt. „Für euch ist hier doch alles billig“, hört man in Argentinien ebenfalls zu genüge. Die Überraschung ist daher groß, wenn ich davon erzähle, dass in Südamerika Milchprodukte eher teurer als in Deutschland seien und die Miete in Buenos Aires sogar höher ist als in meiner Studentenstadt in Passau sei.

Europa = Reich, Argentinien = Arm
Diese Rechnung ist für viele Großstädter in Argentinien ganz klar. Natürlich kommt dieses Bild nicht von ungefähr: Oft sind es eben finanziell besser gestellte Touristen, die einen Trip durch Lateinamerika machen. So auch Tom (Name geändert), ein Deutscher, den wir in Bolivien kennenlernen. Tom macht gerade eine siebenmonatige Reise durch „so viele Länder in Südamerika wie möglich“ und lässt sich dabei Zeit. Auf unsere Erzählung hin, dass wir in Buenos Aires studieren würden, erwidert er: „Naja, da bin ich schon froh, dass ich eher die qualitativ bessere Erfahrung mache. Irgendwann will ich aber auch mal länger im Ausland arbeiten. Für ein Studium würde ich aber auf jeden Fall gleich eine Wohnung in Buenos Aires kaufen, das lohnt sich auf jeden Fall.“
Nach dieser Begegnung hoffe ich sehr, dass nicht so viele Toms auf Argentinier treffen und genau das bestätigen, was die meisten von ihnen vielleicht schon denken. Klar, für Euro-Nutzer ist in Lateinamerika vieles günstig, aber – wie bereits erwähnt – eben nicht alles. Wie auch in Deutschland gibt es in Argentinien günstigere und teurere Produkte. Was jedoch in beiden Ländern ein Luxusgut bleibt, sind High-Tech-Geräte wie intelligente Kühlschränke mit Bluetooth und Internetzugang.
…die sind bestimmt schon viel weiter als wir
Tatsächlich werden wir (drei Deutsche) in einer Marketing-Unterrichtsstunde in der argentinischen Universität angesprochen, ob wir solche smarten Küchengeräte besitzen. „In Deutschland hat doch bestimmt jeder Haushalt Kühlschränke mit Touchscreen“, meint eine Argentinierin. Ich weiß nicht, was mir mehr Sorgen bereitet: Dass die Argentinier denken, dass wir überhaupt diese High-Tech-Geräte besitzen, oder dass sie sogar davon überzeugt sind, es müssten mehrere sein. „Also ich hab das noch nie gesehen“, erwidert eine deutsche Kommilitonin. Irgendwie fühle ich mich wie im falschen Film, als ich in die ungläubigen Gesichter der Argentinier schaue. Als dann noch eine andere Argentinierin versucht, zu erklären, wie diese Kühlschränke funktionieren, kann nur noch ein „Nein, wirklich. Wir haben diese Kühlschränke nicht zu Hause.“ helfen.
Der Traum von Technik – aber ohne Deutschland
Erstaunlicherweise erwarten viele Argentinier, die nach Europa oder besonders auch Deutschland kommen, eine verbesserte Infrastruktur und hoch-technisierte Lebensumfelder. Die Realität: Ernüchternd. Und das beginnt meist in den ersten Stunden in Deutschland, das berichten zumindest einige Argentinier, die den DB-Bummelzug von München nach Passau in knappen 2,5 Stunden nehmen. Expressverbindung? Fehlanzeige, genauso wie andere antike Erscheinungen: Busse, die nur bis 23 Uhr abends und bei viel Glück im 30-Minuten-Takt fahren, SIM-Karten, die noch per Barzahlung an der Aldi-Kasse aufgeladen werden müssen, und natürlich die obligatorische 1-Euro-Münze für die gemeinsamen Waschmaschinen im Studentenwohnheim.
Es herrscht also eine gewaltige Diskrepanz zwischen dem, was man im Ausland erwartet, und was Reisenden im fremden Land schlussendlich auffällt. Und das trifft nicht nur auf Argentinier zu, die nach Deutschland kommen. Auch andersherum decken sich Erwartungen und Vorurteile nicht immer mit der Realität – außer vielleicht mit dem Selbstwirkungs-Glauben der Argentinier 😉
Ich hoffe, schon bald wieder aktiver hier auf dem Blog zu sein! Und dann sollte auch in naher Zukunft meine Bachelorarbeit fertig übersetzt, hochgeladen und verfügbar auf fleißige Leser warten. Bis dahin, macht es gut, servus & adiós,
Martha
Auflösung des Bilderrätsels: Tatsächlich liegt dieser vor Prunk so strotzende Ort weder in Deutschland noch an einem anderen Ort in Europa. Es ist das Teatro Colón im Herzen der argentinischen Hauptstadt. Auch wenn Buenos Aires sein dreckigen und dunklen Seiten hat (und in Argentinien SEHR viel Armut herrscht!), gibt es auch diese Orte. Es ist immer eine Frage der Perspektive.

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