Schön kaputt? Die argentinische Ästhetik

Als ich vor drei Jahren nach Argentinien kam, stellte ich mir Buenos Aires als schicke Großstadt vor. Hohe Wolkenkratzer, volle Flaniermeilen und großzügige Parkanlagen. Vieles entspricht der Realität. Aber was ist mit den „anderen“ Seiten der Stadt? Kommt mit, auf einen Spaziergang durch Buenos Aires!

Würde der deutsche TÜV den Argentiniern einen Besuch abstatten, hätte dieser wohl einiges zu tun. Zum Beispiel die Beanstandung der Stromkabel, die schlaff über die Straßen hängen und die Köpfe der Passanten streichen könnten, wären sie nicht provisorisch in einem Bündel mit anderen Kabeln und Stromleitungen vertaut. Dennoch bleiben Fußgänger selten an den Kabeln hängen. Diese Lianen aus Plastik und Kupferdraht fallen schon fast nicht mehr auf und Touristen sowie Argentinier weichen systematisch dem herunterhängenden Kabelsalat aus. Einen argentinischen Technischen Überwachungsverein (wirklich die offizielle Abkürzung für den TÜV) gibt es nicht, denn wenn es hält, dann passt es schon.

Nicht überall sind die Kabel so schön aufgeräumt, wie in den touristischen Stadtvierteln…

…denn meistens werden die Kabel wild verknotet. Meistens hält diese Konstruktion dann auch. Und wenn nicht, dann müssen die Fußgänger eben einen kleinen Parkour laufen.

Paradies oder Albtraum für den deutschen Sinn für Recht und Ordnung? Einmal aus dem Haus gegangen, fallen nicht nur die fehlenden Pflastersteine und die daraus resultierenden Löcher auf, der Weg ändert sich fast bei jedem Hauseingang. Wer hier mit den Augen die Gebäude, Baumkronen und den Himmel beobachtet, bleibt beim Gang über das argentinische Pflaster leicht mal hängen und gewinnt schneller als gedacht an Bodenhaftung.

Ein normaler Gehweg, ein paar Blöcke vom Stadtzentrum entfernt. Hier ist, wie auch in den oberen Fällen, Vorsicht beim Spaziergang geboten.

Aber was rede ich hier über das „Fehlen“? Argentinier würden ihr Straßendesign wohl eher als kreativ und weitaus weniger gefährlich bewerten, als ich es als Deutsche tue. Vielleicht hat es auch viel mit Gewohnheit und Sparmaßnahmen zu tun, dass Straßenkreuzungen meistens nur eine Ampel haben.

Also: Augen auf, auch als Fußgänger. Denn obwohl das gängige Vorurteil der tiefenentspannten Argentinier meistens stimmt, gelten im Straßenverkehr andere Regeln. Selbst wenn der gewiefte Fußgänger schnell über die Straße flitzt, ein Hupkonzert kann trotzdem erwartet werden. Auch wenn keine Gefahrensituation ansteht, setzen die Argentinier ihre Warnsignale gerne ein. Es ist schon fast gespenstisch, auf die Straße zu gehen und keine Hupen zu hören.

Hindernislauf

Manchmal kommen mir die Straßen in Argentinien ein wenig wie ein Erlebnisparkour vor: Im Sommer tropft es von oben, denn die meisten Klimaanlagen haben kein richtiges Abflusskabel für das Kondenswasser und so trifft die Fußgänger ein lauwarmer Tropfenregen, denn man selbst im Zickzack-Gang nicht ausweichen kann.

Auch am Boden ist ein wachsamer Blick geboten, so manche tierische Hinterlassenschaft erfordert einen Ausfallschritt, ebenso wie die bereits erwähnten „Auslassungen“ auf dem Gehweg. Ein Geheimnis, hinter das ich bis heute noch nicht gekommen bin, ist das der überfließenden Kanaldeckel. So entspannt, wie Passanten damit umgehen, scheint es weder ein Rohrbruch noch eine Verstopfung zu sein, denn es ist nichts Besonderes, wenn mal ein Fußweg ein wenig überflutet wird. Argentinische Großstadtromantik eben.

Die Kanaldeckel in Buenos Aires, ein Fall für sich. Übrigens: Das schmale, hohe Haus im Hintergrund ist mein Wohnhaus und ja: Die Kabel hängen tatsächlich vom Haus herab #kabelsalat. (Foto: Lea Brunnemer)

Ästhetik auf der Straße

Trotz allem lassen sich die Porteños (Bewohner von Buenos Aires) nicht ihre Ästhetik nehmen. Ja, es hängen zwar Kabel von den Masten herunter und manchmal fehlt ein Pflasterstein, aber die Bänke auf den Straßen sollen vom einstigen Reichtum der Stadt zeugen. Und so sind fast alle Sitzgelegenheiten, die man hier in Buenos Aires an Bushaltestellen oder vor öffentlichen Gebäuden findet, als spätbarrocker Hocker designt.

So stolpern viele Touristen schnell einmal über die vermeindlichen Barrock-Hocker auf der Straße. Echte Hingucker!

Passt schon so

Ganz im Sinne der Improvisation werden argentinische Alltagsprobleme schneller gelöst, als man „Asado“ sagen kann. Bevor etwas neu angebracht oder eingebaut wird, versucht sich der gewiefte Argentinier mit Klebeband oder – wie in unserer Wohnung – mit einem alten Nagel. Der ist leider an einer Schlafzimmertür verloren gegangen, was zu einer kurzen Zwangsisolation meiner Mitbewohnerin geführt hat. Mithilfe der deutschen Ingenieurskunst (und eines YouTube-Videos) war die Funktionsfähigkeit der Türklinke jedoch schnell wieder hergestellt.

Nach ein wenig Rumprobieren hat die Haarspange ihren Dienst als einstweiligen Nagelersatz getan. Rechts sieht man den kleinen Nagel, der uns durch sein Fehlen die Rettungsaktion mit anschließender Heimwerkermission beschert hatte.

Ein anderer Fall des argentinischen Erfindergeistes: Diese Toilettenspülung war nur mit dem Aufnehmen des Henkels zu betätigen. Gewusst wie, denn geht der Spülknopf nicht mehr, müssen andere Lösungen her.

Das „passt schon“ wird in Argentinien groß geschrieben und ich muss sagen: Ich hab mich wieder schneller daran gewöhnt, als ich gedacht hätte. Dann reichen die einfachen Lösungen aus und man hinterfragt so manche Sorgen, die man in Deutschland hatte. Auch wen ich ganz froh bin, dass in Deutschland keine Kabellianen auf mich warten werden, ist es doch ganz gut zu sehen, wie die Welt auch aussehen kann. Meine Schritte sind langsam schon den Löchern im Boden angepasst und aufmerksamer geworden, während in Deutschland die Straßenbaustelle um die Ecke den Unmut der Nachbarn erzeugt. Vielleicht bräuchten wir Deutschen manchmal doch die argentinische Straßenästhetik, um die eigene Realität schätzen zu können?

So, ich verabschiede mich für heute. In nächster Zeit komme ich bestimmt wieder mehr zum Schreiben, denn die Prüfungen sind vorbei (und bestanden!) und es geht in die Semesterferien. Wohin? Wahrscheinlich in den warmen „Norden“… Mehr dazu in den nächsten Einträgen, bis dahin: Servus, pfiade und adiós!

Martha


Avatar von martha

2 Antworten zu „Schön kaputt? Die argentinische Ästhetik”.

  1. Avatar von Werner Kastens

    Scheint sich nicht viel verändert oder verschlechtert zu haben. Kenne Buenos Aires von vor 30 Jahren, sah damals auch nicht anders aus.
    Bin aber auch oft in den Vororten gewesen, wo Freunde von mir gewohnt haben. U.a. in Acassuso.

    Wenn ich noch einmal auf die Welt kommen sollte: dann bitte in Argentinien!

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    1. Avatar von martha
      martha

      Manches ändert sich wohl nie hier in Argentinien. Dieses Land gibt mir immer wieder neue Rätsel auf…. Acassuso kenne ich leider noch nicht, aber vielleicht ergibt sich ja einmal ein Ausflug dorthin- In den Vororten kommt man ein wenig raus aus dem Großstadtgetümmel 😉

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