Choque Cultural: Bereit für argentinische Seltsamkeiten?

Jedes Land hat seine Eigenheiten, die bei Ausländern für „Kulturschocks“ sorgen. Argentinien ist ebenso für so manch eine Überraschung gut, die mir als Deutsche einfach ein wenig seltsam vorkommt. Vom wöchentlichen Wäschespaziergang, über Sprühregen aus der Klimaanlage bis zu dem „ganz normalen“ Verhalten auf der Straße und in der U-Bahn: Eine Reise durch die „choques de cultura“ in Argentinien.

Ein Haushaltsgerät, das in Deutschland so gut wie in jeder Wohnung zu finden ist, ist wohl die Waschmaschine. Hier in Argentinien ist es eher unüblich dieses Gerät zu besitzen und so ist es völlig normal, seine Wäsche in den Waschsalon zu bringen, dort selbst zu Waschen oder Waschen zu lassen.

Wäsche gemacht? Nur mit Spaziergang

Für umgerechnet ca. 4 Euro (zurzeit noch um die 1500 Pesos) bekommt man eine Tüte frische gewaschene und gebügelte Wäsche zurück. So ist es nicht verwunderlich, dass genügend Leute mit großen Tüten voll mit Kleidung, Handtüchern und Bettlaken einen kleinen Spaziergang zum nächstgelegenen Waschsalon unternehmen.

Bleiben wir doch gleich beim Thema Haushalt: Wie in so vielen Ländern der Welt sollte man auch in Buenos Aires kein Leitungswasser trinken. Durch die Landwirtschaft wurde das Grundwasser mit so vielen Schadstoffen verschmutzt, dass selbst in den weiterentwickelten Städten vor dem Wasser aus der Leitung gewarnt wird.

Spritzgefahr

So kaufen auch wir Woche für Woche Sixerpackungen mit stillem Wasser. Denn Sprudelwasser wird hier eher selten getrunken. Wenn überhaupt, dann aus dem sogenannten Sifón. Im Endeffekt ist das nichts anderes als eine 2-Liter-Flasche mit Sprudelkartusche, die auf Knopfdruck frisch gesprudeltes Mineralwasser serviert. Der Abstand von Glas und Flasche muss dabei erlernt sein, sonst kommt es zu einem kleinen Sprühregen vorm Trinkgenuss – den ich nicht nur einmal schon selbst produziert habe.

Zwei alte „Sifóns“, die moderneren Varianten sind aus Plastik gemacht und meist nur für den einmaligen Gebrauch bestimmt.

Den nassen Sprühregen gibt es jedoch auch oft genug im Sommer auf der Straße. Genauer gesagt für Fußgänger. Denn wenn die Temperaturen sommerlich heiß werden, kommt in Argentinien die „aire“ zum Einsatz. Die „aire acondicionado“ (Klimaanlage) ist das, was in Deutschland die Waschmaschine ist: Überall, in jedem Haushalt vorhanden. Ebenso in Geschäften oder anderen öffentlichen Räumen weht die frische Brise. Damit die Anlagen aber nicht überhitzen, ist es unbedingt nötig, dass das Kondenswasser abgeleitet wird. Und da der einfachste Weg oft der praktischste ist, lassen die meisten Klimaanlagen dieses Wasser in feinem Sprühregen auf den Bürgersteig und somit die Passanten ab, welche sich über den lauwarmen Tropfenregen weniger freuen.

Auf der Straße: Anarchie

Ganz so schlimm ist es auf keinen Fall. Dennoch kann ich als Deutsche sagen, dass bestimmte Regeln in Argentinien außer Kraft gesetzt werden. Könnte ein Anwohner in Deutschland sein Klimaanlagenkondenswasser einfach auf die Straße leiten? Wohl kaum. In Argentinien gelten eben andere Gesetze. Zum Beispiel, dass man bei einer grünen Ampel die Straße überquert. Keine Sorge – Verkehrsregeln werden hier mehr beachtet als in anderen südamerikanischen Ländern (zumindest in der Stadt Buenos Aires), jedoch laufen hier in Argentinien Fußgänger bei „Weiß“ über die Straße. Falls man so brav wie die Deutschen wartet und nicht bei Rot über die Straße rennt.

Bei Rot stehen, bei Weiß gehen…

Wenn Stereotype der Realität entsprechen

Es ist kein Geheimnis: In Argentinien wird einfach gerne Fleisch gegessen. Das wussten fleißige Blogleser auch schon vorher (wer sich die Thematik in Erinnerung rufen will, einfach hier klicken). Trotzdem will ich es noch einmal erwähnen, denn die Liebe zum Fleisch, Asado und allem, was dazu gehört, taucht wirklich ständig im Alltag auf. Nicht nur, dass die Fleischabteilung im Supermarkt riesig und die Dichte von Metzgereien in argentinischen Stadtvierteln enorm ist, auch andere Lebensmittel werden von der Lust auf Fleisch beeinflusst. So gibt es den Frischkäse mit Schinkengeschmack ebenso wie die Chips mit „sabor argentino“.

Mit „Fleisch“ fängt man wohl Argentinier, dieser Foodtruck braucht nicht mehr anzupreisen, als sein „carne“. (Foto: Lea Brunnemer)
Mit Schinken- (links) oder Salamigeschmack (rechts) wird die Auswahl an Aufstrichen erweitert.
Der Geschmack nach Asado ist nicht nur beim Grillen vorhanden…

Im Gegensatz zu Deutschland sieht man hier Gemüse eher als Beilage zum Fleisch, weshalb im Supermarkt eben auch weniger Betonung auf die Auswahl bei Salat und Co. gelegt wird. Dabei ist es aber auch wichtig zu wissen, dass es in Argentinien viel „normaler“ als in Deutschland ist, Obst und Gemüse in kleineren Läden und nicht im Discounter zu kaufen. Aus diesem Grund bleibt das Erkunden von anscheinend unbekanntem Gemüse nicht aus. Mein Highlight: Schwarze Kartoffeln.

Mitgewogen

Wer jetzt denkt, es handle sich um eine regionale Kartoffelart, die es nur in Argentinien gibt, der liegt falsch. Denn hinter den dunklen Knollen verstecken sich tatsächlich herkömmliche Kartoffeln, die jedoch im Verkauf noch mit einer guten Menge an argentinischen Erdboden bedeckt sind. Richtig gehört, hier werden Kartoffeln ungewaschen mit Erde beim Gemüsehändler oder an der Supermarktkasse gewogen. Angesichts der derzeitigen Wirtschaftskrise ist dieser findige Trick jedoch als nicht bedeutend im Hinblick auf die Gewinne des Lebensmittelhandels zu bewerten.

Deutsche sind weltweit für einige Charakteristika bekannt, die uns zu sehr ernsten und strukturierten Stereotypen verhelfen. Natürlich wirkt der Händedruck bei Begrüßungen im Vergleich zu den Wangenküsschen der Argentinier, ein wenig abgeklärt und gefühlskalt. Jedoch muss ich sagen, dass mir diese Nähe manchmal ein wenig zu viel ist. Besonders an öffentlichen Plätzen merkt man dieses unterschiedliche Nähe-Distanz-Empfinden besonders gut: Beispielsweise in der U-Bahn, wenn der Zug eigentlich sehr leer ist und andere Fahrgäste trotzdem auf dem direkt nebenliegenden Sitz Platz nehmen. Es kommt selten zu einem Gespräch, denn es gehört zur argentinischen Normalität, dass der persönliche „Radius“ klein und leicht von anderen einnehmbar ist.

Eine normale Fahrt in der Subte, selten werden hier nebeneinanderliegende Plätze freigelassen.

Unterhaltsame U-Bahn-Fahrten

Die Subte (U-Bahn in Buenos Aires) bietet außerdem immer wieder sehr interessante Erfahrungen: Von Händlern, die von Taschentüchern, über Kugelschreiber bis zu Süßigkeiten scheinbar alles dabeihaben, bis zu Musikern und Tänzern, die genreübergreifend Tango ebenso wie Hip-Hop zum Besten geben. Und all das im fahrenden Zug. Da kann es schon einmal dazu kommen, dass die U-Bahn ein wenig warten muss, bis der Lautsprecher, Verkaufskorb oder andere Gadgets erfolgreich hinein oder heraus gehievt wurden. Aber, wie immer: Alles ganz entspannt.

Die süße Fracht trifft trotz der Liebe zum Zucker nicht ganz den Nerv der Argetinier, meistens werden eher kleinere Produkte wie Kekse oder Kaugummis verkauft. (Foto: Lea Brunnemer)

Datenschutz? Was ist das?

Was dem deutschen Sinn für Recht und Ordnung wohl am meisten beim Thema Kulturschocks auffällt, ist der argentinische Datenschutz. Wenn man es nämlich genau nimmt, gibt es den überhaupt nicht. Nicht nur, dass fast überall immer die Nummer des Personalausweises angegeben werden muss (beim Bezahlen, in der Uni, usw.), es wird aber auch nicht gefragt, wenn Daten (wie eben diese DNI-Nummer) öffentlich gemacht werden.

Ein gutes Beispiel ist mir letztens ins Auge gestochen. Auf der Post hing eine Liste mit den Gewinnern des Weihnachtsgewinnspiels aus. Darauf war nicht nur der volle Name der Glücklichen zu finden, sondern auch die DNI-Nummer und die aktuelle Adresse. Auch eigentlich klare ungeschriebene Gesetze, wie das des Briefgeheimnisses, werden immer wieder außer Kraft gesetzt. Eigentlich ist es aber auch viel praktischer. So war unser Hausmeister schon vor uns informiert, dass etwas von der Post geliefert wurde und wir nicht da waren, weil: Er nämlich schon den Brief gelesen hatte, wo erwähnt wurde, an welchem Ort das Päckchen zu holen sei.

„Ihr seid ja von gestern…“

Obwohl wir schon ein wenig mit der Post zu tun hatten, kann zusammengefasst gesagt werden, dass eigentlich niemand Briefe, Postkarten oder Pakete verschickt. Für die Argentinier ist die Nutzung der Post ein Relikt aus einem anderen Jahrhundert. „Was? Ihr schickt euch Karten per Post? Warum?“, fragt mich eine Freundin. „Es gibt doch E-Mail. Oder WhatsApp“. Den Sinn, einfach so aus Spaß etwas per Post zu verschicken, erschließt sich den Argentiniern ebenso wenig, wie für uns die Tatsache, Reischips mit Schinkengeschmack gut zu finden.

Wahrscheinlich bleiben diese Kulturschocks bis zum Ende meines Aufenthalts für mich komisch, wobei ich mich mittlerweile schon ganz gut an die weißen Ampeln gewöhnt habe. Wir befinden uns jetzt im zweiten Semester, die erste Uniwoche hat begonnen und ich bin gespannt, welche choques und anderen Erlebnisse noch auf mich warten… Mehr dazu beim nächsten Mal, bis ganz bald, adiós und servus,

Martha


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