Wer nicht springt, ist ein Engländer

Argentinien und Fußball – kaum bei einer anderen Nation ist eine Sportart so tief in der eigenen Identität verwurzelt. Eine kurze Reise durch Popkultur, Leidenschaft und der unabwendbaren Überzeugung: Der Doppel-WM-Titel ist nicht nur möglich, sonder auch eine Bestimmung!

„¡El que no salta, es un inglés!“ (Wer nicht springt, ist ein Englänger) – Vor dem Halbfinale am Mittwoch zwischen England und Argentinien wurden wieder einmal die – für die Argentinier – schönsten Fangesänge ausgepackt. Zwischen politisch nicht ganz korrekten Texten und leicht ins Ohr gehenden Anfeuerungsrufen existiert ebenso die Aufforderung Mitzuspringen, denn „Wer nicht springt, ist ein Engländer“.

Ein Einblick in die argentinischen Festivitäten. Auf der Straße trifft man sich zum gemeinsamen Springen, Böller zünden und Fahnen schwenken.

Den mitreißenden Song gab es schon vor dem heiß ersehnten Spiel Argentinien-England der diesjährigen WM, denn er rührt aus einem argentinischen Trauma, das bis heute tief im Gedächtnis einer ganzen Nation sitzt: dem Wir-gege-Die, der Feindschaft zur Seemacht Großbritannien, dem Krieg um die Malvinas (Falklandinseln).

Das Wort mit F ist in Argentinien ein No-Go, und auch wenn der Konflikt von 1982 eine der jüngsten Ereignisse in der bewegten Geschichte des Landes ist, gilt er als einer der wichtigsten Ecksteine der argentinischen Geschichte seit der Unabhängigkeit vom spanischen Kolonialreich im Jahr 1816. Kurz: England besetzte 1833 die Inselgruppe südöstlich von Argentinien, welche das südamerikanische Land aber für sich beansprucht. Die Engländer besiedeln die Inseln, berufen sich immer wieder auf das Selbstbestimmungsrecht der Einwohner (die sich 2013 auch für den Verbleib im englischen Überseegebiet entschieden). In den 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts kommt es zum Angriff der Argentinier, aus dem sich der Falklandkrieg entwickelt. Auf beiden Seiten sterben Hunderte Soldaten.

Die Jahre vergehen, das Trauma bleibt. Zumindest für die Argentinier. Denn fragt man Briten, was sie von den Falklandinseln wissen oder ob sie sich für diese Inselgruppe auf der anderen Seite der Erdkugel interessieren, bleibt es meist bei einer klaren Verneinung.

Für die Argentinier präsent, für England verblichen

Die Malvinas stellen in Argentinien noch immer einen großen Teil der nationalen Erinnerungskultur dar: Gedenktage, Schulen, Erinnerungsstätten, Fußballstadien – genügend Dinge sind nach einer der größten „Niederlagen“ Argentiniens benannt, immer aber auch mit dem Hinweis darauf, wem die Inselgruppe eigentlich gehört. Daher war auch das Spiel gegen England eine weitere Gelegenheit, lyrisch sowie fußballerisch alles zu geben. Denn eine Schmach dieses Ausmaßes darf von argentinischer Seite nicht vergessen werden.

La Cuarta Estrella (Der vierte Stern) – PALMITO

Quiero ver la cuarta estrella
Brillar en la camiseta
Soy argento de la cuna hasta el cajón
Por Malvinas, por el Diego
Por la última de Leo
Argentina, quiero verte bicampeón.

Ich will den vierten Stern
am Trikot strahlen sehen.
Ich bin Argentinier von der Wiege bis zum Sarg.
Für die Malvinas, für Diego [Maradona],
für die letzte [WM] von Leo [Messi].
Argentinien, ich will dich als zweifachen Meister sehen.

Eindrucksvoll zeigt dieser erst vor Kurzem veröffentlichte Fangesang von PALMITO genau das, was die argentinische Fußballseele ausmacht: Maradona, Messi und ja, auch der (für die Argentinier) noch immer andauerende Kampf Malvinas. La guerra (also der Kampf) bleibt hier nicht ein Relikt der Vergangenheit, sondern wird mit ins Stadion genommen. Im Vorfeld äußerten sich verschiedene Veteranen aus dem Falkland-Malvinas-Krieg zur anstehenden Partie gegen England und baten die argentinischen Lansleute, den Sport im Fokus zu behalten. Emotional aufgeladen war die Partie dennoch, ebenso wie die Fangesänge oder auch Videos, die mit KI den 2020 verstorbenen Maradona neben Messi lebendig werden lassen:

Rund um das Turnier ist Argentinien präsent. Mannschaft wie Fans präsentieren sich charismatisch und nahbar, wenn sie den deutschen Ex-Profi Bastian Schweinsteiger zum Mate-Trinken überreden oder zeigen, wie sich eine argentinische Nationalmannschaft auf die Spiele vorbereitet: mit einem richtigen Asado. Bei dem die Spieler natürlich selbst zur Grillzange greifen. Obviamente!

Die argentinische Vorfreude, vielleicht wirklich zum zweifachen Weltmeister hintereinander zu werden, können dann auch kleine Ego-Konflikte nicht trüben. Zu Beginn des Turniers verwechselte die us-amerikanischen Stadionmoderation in der Gruppenphase die argentinische Nationalhymne mit einem gewöhnlichen Cumbia-Song. „Bombón Asesino“ trägt nicht einmal den Namen des Landes, wurde aber wohl fälschlicherweise für eine offizielle Hymne gehalten und sorgte für einen kritischen Moment für die doch sehr vaterlandsliebenden Argentinier:

Während zu jedem anderen Zeitpunkt hier von einer Verschwörung gegen die argentinische Mannschaft/Nation oder einer absichtlichen Degradierung des Landes gesprochen worden wäre, entschied man sich, das Beste aus dem angeknacksten Ego zu machen, und die Band „Los Palmeras“ dichtete kurzerhand den Song in ein legendäres WM-Werk, „Bombón Argentino“, um, das den Sieg sozusagen voraussingt:

„Bombón Argentino“ – Los Palmitos

Dale, Argentina
Que la cuarta está esperando en la esquina
Cuando Messi, en la cancha, se anima
Desde el cielo, el Diego nos ilumina
Quiero gritar: Campeón, Argentina
Para todos los pibes de Malvinas
Viene al frente, juega la Scaloneta
Carne y sangre, al pueblo representa.

„Los, Argentinien!
Der vierte Stern wartet schon an der Ecke.
Wenn Messi auf dem Platz richtig in Fahrt kommt,
erleuchtet uns Diego vom Himmel aus.
Ich will schrei’n: Weltmeister, Argentinien!
Für alle Jungs von den Malvinas.
Sie rücken nach vorne, spielen die „Scaloneta“*.
Fleisch und Blut, sie repräsentieren das Volk.“

*„Scaloneta“ bezieht sich hier auf den Spitznamen der Nationalmannschaft, die vom Trainer Lionel Scaloni durch die Höhen und Tiefen der WM geführt wird.

Den Argentiniern ist es also ernst mit dem Titel. Das war schon klar, als es in der Gruppenphase gegen „kleinere“ Fußballnationen wie Algerien ging. Und was Fußballspiele betrifft, da sind die Argentinier strikt. Egal, was passiert, das Spiel geht vor.

So ging es auch einer guten Freundin aus Argentinien, die sich den Rückflug nach Argentinien genau an einem Tag ausgesucht hatte, an dem die „Scaloneta“ ein Spiel der Gruppenphase bestritt. Ob sie jemand am Flughafen in Buenos Aires abholen könnte?

„Uh nein, also das geht wirklich nicht!“, „Weißt du, dass genau zu der Zeit das Spiel ist?!“, „Da kann ich wirklich nicht, aber du könntest bis zum Ende des Spiels warten, dann hole ich dich.“

Egal, wer gefragt wurde – Freunde, Familie, ein befreundeter Taxifahrer –, niemand konnte es sich wirklich einrichten. „Dann buch dir am besten ein Uber, das fahren eh Leute, die das Spiel nicht schauen“, war dann der Ratschlag. Schlussendlich wurde sie von einem Venezolaner vom Flughafen nach Hause gebracht, der wenig betroffen von der argentinischen Fußballliebe seiner Arbeit nachging.

Egal, ob Fußballfan oder nicht: Spätestens jetzt sind es alle Argentinier, die schon auf das ganz besondere Finale am Sonntag, den 19. Juli, warten. Spanien teilt – ebenso wie England – einen Teil der argentinischen Geschichte. Jedoch liegt der Spanisch-Argentinische Konflikt ein wenig länger zurück und wird von anderen lateinamerikanischen Ländern bis heute als Grund für eine Abneigung gegen Europa aufgeführt: die Kolonialisierung.

das Spiel gegen die Conquistadores (Eroberer)

Südamerika gegen Spanien – das klingt nach Konfliktpotential und einem hitzigen Spiel. Eine versöhnende Aussicht bietet hier das Foto eines jungen Messi, der während seiner Zeit bei Barça für einen Wohltätigkeitskalender mit spanischen Babys fotografiert wurde.

Zwei Legenden – wer hätte das gedacht?
Mehr zu Messi & Yamal: https://www.zdfheute.de/sport/fussball-em-2024-lamine-yamal-lionel-messi-100.html

Wer hätte damals geahnt, dass das kleine Baby einmal bei einer Weltmeisterschaft gegen den besten Fußballer seiner Zeit spielen würde? Lamine Yamal ist auf dem Foto erst ein paar Monate alt, und doch wird das Nachwuchstalent wohl am Samstag Geschichte schreiben – mit oder ohne argentinischen Sieg.

Egal, wie die Partei am Sonntag ausgehen wird: Argentinien hat bereits gewonnen. Und wenn es nicht der WM Titel ist, dann eben der Nationalstolz. Denn auch wenn im Fußball der Sport an sich im Vordergrund stehen sollte, ist die bisherige Präsenz in der Weltmeisterschaft für das Land von Messi, Maradona und Mate weit mehr als nur ein Erfolg auf sportlicher Ebene. Nationale Identiät, Verbundenheitsgefühl, gemeinsame Geschichte: Für Argentinien geht es eben nicht „nur“ um Fußball.

Wer nun mehr argentinische Fangesänge hören will, kann sich mit dieser Playlist schon einmal auf das Finale der diesjährigen WM einstimmen. Viel Spaß beim Mitfiebern und -jubeln! Vamos!!!


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Avatar von martha

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